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12 Top-Handschuhe: Gefühlte Kälte

Handschuhe zu testen bedarf Fingerspitzengefühl, nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn.

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„Heute kann es regnen, frieren oder schnein, die richtigen ­Handschuhe pack ich ein!“ Fotos: Daniel Elke, IMAGO

Kaum ein Ausrüstungsteil verändert durch minimale ­Unterschiede die Laufqualität derart drastisch. Wir ­haben diese Nuancen herausgearbeitet.

Handschuhe nehmen mitunter den Status von Autoreifen ein – innerhalb der Summe aller Teile werden beide oftmals mit zu wenig Aufmerksamkeit bedacht. Die angebotenen Modelle ähneln sich auf den ersten Blick sehr, sie machen optisch im Vergleich zu anderen „Parts“ wenig her, und ihre funktionale Bedeutung innerhalb des Gesamtsystems ist nicht so offensichtlich wie bei anderen Teilen der Ausrüstung. Punkt eins und zwei können wir nur bestätigen. Als die Paare in der Redaktion ­ein­trafen, war der erste Impuls: Ist die Farbe ausgegangen?! Die Langlauf­outfits haben an Style in den letzten Jahren gewonnen, ­warum werden die Handschuhe vernachlässigt? An der farblichen Kombinierbarkeit von Schwarz kann es doch allein nicht liegen.

Nein, die Hersteller arbeiten weder unmodern noch uninnovativ. Beim Versuch, die vielfältigen Anforderungen des Langläufers auf ein Mal zu erfüllen, haben sie die Bauteile und Materialien der modernen Handschuhe extrem ausdifferenziert. Extrem viele Textilstücke aus fast genauso vielen unterschiedlichen Funktionsfasern sorgen für eine Ergonomie, die mit den guten alten Woll-Fäustlingen nichts mehr zu tun hat. Zusätzlich dazu noch Dutzende von Designs anzubieten würde den Produktionsaufwand ausufern lassen. Außerdem, und das sollte das Hauptargument für Schwarz sein, sollen Handschuhe in erster Linie die Hände wärmen. Und ganz gleich, wie stark das Sonnenlicht und wie kalt die Luft objektiv sind, schwarze Oberflächen absorbieren anteilig immer mehr vom ­Sonnenlicht als helle. Auch die nüchterne Farbgebung ist eigentlich funktional.

Handschuhe als Teil des Ganzen

Wenn eingangs vom Gesamtsystem die Rede war, bedeutet das im Fall des Langläufers das Körperklima, das sich aus der körperlichen Belastung des Läufers und der Summe seiner Bekleidung ergibt. Handschuhe, Mütze, Jacke usw. dürfen nicht allein, sondern immer als Teil des Ganzen betrachtet werden. Je mehr Wärme und Schweiß der Körper bei härterer Gangart produziert, desto weniger sollte er bei vergleichbaren Wetterbedingungen eingepackt werden. Hände, Füße und Kopf nehmen hierbei einen Sonderstatus ein, sie sind nämlich besonders gut durchblutet und haben damit mehr Anteil an der Temperaturregulation des Körpers. Gleichzeitig sitzen aber kaum Muskeln in ihnen, sie produzieren also kaum Wärme, ganz gleich, wie hoch der Puls gejagt wird. Deshalb friert man in Abfahrten zuerst an ­diesen Körperteilen, während der Einteiler den noch „nachglühenden“ Restkörper ­ausreichend warm hält. Deshalb der nordic sports-Tipp für sportliche Langläufer und Rennfahrer: am Körper eher eine Lage Stoff weniger, dafür Hände und Kopf dicker ­einpacken. Abgesehen von den Schmerzen und der Demotivation, die eiskalte Ohren oder ­Finger mit sich bringen, bei einem ­geschrumpften Gefühl in den eiskalten Händen leidet die Lauftechnik immens.

Mit Gefühl trotz Kälte

Taktilität ist hier das Stichwort. Das beinhaltet die Kontrolle des Stocks und das Feedback über den Schnee sowie die ­Fähigkeit, die Kraft möglichst verlustfrei über die Stöcke abzugeben.

Damit wären zwei Hauptziele des Handschuhs definiert: zu wärmen und möglichst „nah“ am Schnee bzw. Stock zu sein, wie die Profis sagen. Neben dem Kälteschutz sollte vor allem die Innenhand zusätzlich in der Lage sein, die Feuchtigkeit der Handfläche von der Hand wegzuleiten. Diese Funktion ist extrem anspruchsvoll, da die Handfläche ja nur im Vorschwung und auch nur leicht geöffnet ist. Durchschwitzte Handflächen neigen aber zum Wundreiben und sind genauso zu vermeiden wie Faltenbildung oder Nähte, die ebenfalls für lokale Hautprobleme bis hin zur Blasenbildung sorgen können. Aufbau und Schnitt zählen deshalb ebenfalls zu den ergonomischen Eigenschaften des Handschuhs.

Skater und klassische Läufer können, anders als bei Schuhen, die gleichen Handschuhe benutzen. Die Praxis zeigt ­jedoch, dass Langläufer im Freien Stil tendenziell eher dünnere Handschuhe mit sehr atmungsaktiver Membran als Hauptmaterial nutzen, die flexibel und eng anliegen und so eine optimale Stock-Kontrolle sowie ­besten Dampftransport von der Hand weg gewährleisten. Um einmal eine Vorstellung von der Stockkontrolle zu geben: Liegt der Griff nur um drei bis vier Grad weiter nach innen gekippt im Handschuh, sticht der Skater bereits an der Innenkante des Skis ein und ist in Gefahr zu stürzen. Vielleicht liegt es auch an der im Durchschnitt schnelleren Gangart der Skater, dass sie weniger „wärmebedürftig“ sind. Zumindest außerhalb des Wettkampfes sind sie überwiegend mit höheren Pulswerten unterwegs.

Entscheidend für den Handschuhkauf sind vorrangig das Verhältnis von Wetter und geplanter körperlicher Anstrengung sowie in besonderem Maße die Passform. Die Hardware des Handschuhs kann nur beste Voraussetzungen liefern, der Schnitt und die Passgenauigkeit zur Hand entscheiden letztendlich, ob dies zu effektivem, schmerzfreiem und wohl klimatisiertem Laufen führt.

Mittels der Kauftipps auf Seite 69 und der Testprotokolle sollte jeder – vom Ski-Wandermann bis zum Rennläufer – für ­nahezu ­jedes Klima seinen passenden Handschuh finden. Als Bestellartikel eignen sich Handschuhe wegen der hohen Bedeutung der Passform aber nicht.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 01 / 2014

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