42 Kilometer Euphorie pur!

Der Engadin-Skimarathon – ein Wintersport-Event der Superlative. Doch was macht diesen Lauf eigentlich so besonders?

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Kollektiv: In anderen Sportarten undenkbar, hier gang und gäbe – das gemeinsame Aufwärmen vor dem Rennen. Fotos: Marc van Swoll, swiss-image.ch/Mettler

nordic sports-Redakteurin Sigrun Hannes (Foto links) hat sich unter die mehr als 12.000 Teilnehmer gemischt und sich bei Profis wie auch bei Hobbysportlern auf Spurensuche begeben.

Text Sigrun Hannes

Als das Engadin am Wochenende des 10. März seine Pforten öffnete, staunten die Graubündner nicht schlecht. Den traditionellen Andrang zu ihrem großen Skimarathon waren sie ja bereits gewohnt. Doch eine Zahl von 12.540 Skilangläufern hatten sie zuletzt vor zehn Jahren ­begrüßen dürfen. In diesem Jahr fanden Sportler aus 49 Nationen den Weg in das herrliche Schweizer Hochtal. Entsprechend früh musste man sich wieder um eine der begehrten Unterkünfte bemühen und war, sofern es die Zeit zuließ, schon ein, zwei Tage früher angereist, um die herrliche Landschaft auch gebührend ­bewundern zu können. Obwohl ich als eine der zahlreichen deutschen Teilnehmer schon vier Mal beim „Engadiner“ ­gestartet war, faszinierte mich bei meiner Anreise erneut der erste Blick auf das Oberengadin. Nach Überqueren des Julier­passes konnte ich auch in diesem Jahr wieder beruhigt aufatmen, als sich die geschlossenen Eisdecken des Silser- und Silvaplanersees vor mir erstreckten. Naja, fast beruhigt! Um ehrlich zu sein, erspähte ich das ein oder andere groß­flächige Loch am Rand des Sees. Und hier sollten Tausende von Langläufern drüber? Anscheinend war die Eisschicht in der Mitte aber wirklich dick genug, denn zahlreiche Skater glitten in Seelenruhe über die weite Loipe dahin. Und dann entdeckte ich auch die bunten Schirme der Snowkiter. Beruhigend, kein einziger Kitesurfer in Sicht! Na, dann schien das Eis wirklich noch dick genug zu sein.

HÖHENLUFT UND LAMPENFIEBER

In der Unterkunft angekommen, verspürte man schnell die Höhenlage des Engadins. Das Startgelände in Maloja liegt auf einer Höhe von rund 1.820 Meter über dem Meeresspiegel. Entsprechend schnappte man bei kleinsten Anstrengungen nach Luft und frequentierte, sofern vorhanden, dankbar den Aufzug. Immerhin blieb noch Zeit bis zum Wettkampfmorgen. So konnte sich der Körper ein wenig akklimatisieren. Wer die Sache ernster nahm, war allerdings schon ein bis zwei Wochen früher angereist, um dann bis zum Stichtag auf den Punkt fit zu sein. „Nur nicht nervös machen lassen, die 42 Kilometer kann man auch mit schnellerem Puls laufen“, dachte ich mir und tat so, als wolle ich mir ein Wandbild genauer anschauen. Verstohlen atmete ich dabei aber tief durch, um den vierten Treppenabsatz auch noch zu bewältigen.

Freitagabends fand in Sankt Moritz im sogenannten „Marathon-Village“ der legendäre Nachtsprint statt. Was die Veran­stalter an Spannung versprachen, wurde tatsächlich noch überboten. Der „kleine“ Bruder des großen Dario Cologna konnte das furiose Finale für sich entscheiden. Christa Jäger komplettierte als Siegerin der Damen den Schweizer Doppeltriumph.

Wohl wissend, dass die Mehrzahl der Teilnehmer früher oder später ins Marathon-Village kommen würde, um ihre Startnummern abzuholen, lockte mich auch in diesem Jahr die Marathon-Messe wieder mit ihren zahlreichen „Schnäppchen“, Glücksspielen, Wachsservice, Skitests und kulinarischen Verköstigungen. „Schnäppchen“ und Engadin ist für Nicht-Eidgenossen ­allerdings ein Widerspruch in sich – und so flossen die „Fränklis“ im Marathon-Village im Nu dahin.

Als ich gerade ein neues Skimodell am Fischer-Stand getestet hatte, begegnete ich der süddeutschen Spitzen­läuferin Jessica Müller vom xc-ski.de- Skimarathonteam. Sie wollte in diesem Jahr zum ersten Mal am Engadin-Ski­marathon teilnehmen. „Ich freue mich richtig darauf, zum Saisonfinale hin ­endlich einmal an diesem populären ­Skimarathon teilnehmen zu können!“

Jiri Rocarek aus Tschechien, Vorzeige­athlet des „Fischer Subaru Racing Teams“, war sich nicht sicher, ob er nun zum fünften oder schon zum sechsten Mal beim „Engadiner“ starten würde. „Nach der langen Saison bin ich sehr, sehr müde. Aber ich freue mich trotzdem, hier zu sein, und morgen werden wir dann sehen, was noch geht!“

Unterschiedliche Ziele der Profis

Noch eine Woche zuvor, beim Engadin- Frauenlauf, hatte es strahlenden Sonnenschein und perfekte Schneeverhältnisse ­gegeben. Der Streckenchef des Organisationskomitees verkündete mit sorgenvoller Miene eine alte Weisheit, nämlich dass einem sonnigen Frauenlauf den Erfahrungen nach ein wettertechnisch mäßiger Hauptlauf folge. Ähnliches ließen auch die offiziellen Wetterprognosen verlauten. Von schweren Bedingungen – vor allem für ­die später startenden Volksläufer – war die Rede. Den Beruhigungsschnaps verkniffen sich die meisten – umso gewissenhafter wurden die Kohlenhydratspeicher aufgefüllt und die letzten Vorbereitungen getroffen, um die anstehenden 42 Kilometer am folgenden Morgen souverän zu bewältigen. Während sich mancher noch so seine ­Gedanken machte, wie er den Hungerast auf der Strecke am besten umgehen könnte, verkündete Seraina Boner bei der Pressekonferenz, dass sie die Strecke am liebsten verlängern würde. „Von Maloja nach S-chanf – und wieder zurück nach Maloja, das käme mir gelegen!“, so die ­erfolgreiche Marathonläuferin aus Davos. Eine kaum verwunderliche Aussage von ­einer Frau, die das Ziel beim diesjährigen Vasaloppet (90 Kilometer im klassischen Stil) deutlich unter 4½ Stunden erreicht hatte. „Der Engadiner in klassischer Technik wäre mir lieber. Das Skating-Training ist bei mir in dieser Saison etwas zu kurz gekommen“, dämpfte sie die hohen Erwartungen.

Optimistischer äußerte sich dagegen Viktor Röthlin, der Schweizer Europameis­ter im Langstreckenlauf. „Ich peile morgen meine persönliche Bestzeit an. Was nicht schwer werden dürfte, da es meine erste Teilnahme beim Engadiner ist.“ Im Vergleich zu Seraina Boner konnte er dem nächsten Morgen entspannt entgegensehen. Schließlich hatte er seine Topleistung nicht auf den Langlaufskiern zu bringen. Bestzeiten werden von ihm wohl erst wieder im Frühjahr erwartet.

Kaiserwetter zum Hauptlauf

Welch ein Marathonmorgen! Nicht, dass man die Nacht über selig geschlafen hätte. Von wegen! Aber den ersten vorsichtigen Blick aus dem Fenster wagte man dann doch erst im Morgengrauen. Und entgegen aller Erwartungen zeigte sich der Himmel strahlend blau, die Luft frisch und klar. Welch schöne Überraschung! Vergessen war die schlaflose Nacht. In sämtlichen Unterkünften des Engadins begann jetzt das rege Treiben. Hinein in den Rennanzug, schnell zum Wettkampffrühstück (eine Tasse Kaffee muss genügen – zwei kosten unterwegs unnötige Zeit!) und dann auf zum Startgelände nach Maloja. Ab sechs Uhr trudelten dort schon die ersten Läufer ein. Ambitionierte Läufer legten ihre Skier schon im Morgengrauen in die vorderen Reihen ihres Starterblocks, um später die ideale Startposition zu haben. Anschließend galt es noch, die Kleidersäcke im entsprechend zugeordneten Lastwagen abzugeben. Die Säcke würden den Weg nach S-chanf weniger umweltfreundlich auf sich nehmen, als ihre 12.540 Besitzer.

Mithilfe von 15 Spurgeräten hatten die Streckenverantwortlichen in der Nacht auf Sonntag die Loipe präpariert und bestmögliche Bedingungen geschaffen. Bei besten Strecken-, Wind- und Wetterbedingungen schien, entgegen allen düsteren Vorhersagen, erneut ein Traumlauf anzustehen. Und es war nicht mehr lange hin. Wenige Minuten vor halb neun erfüllten plötzlich die zur Tradition gewordenen Klänge von Vangelis‘ „Conquest of Paradise“ das ­gesamte Startgelände. Als der letzte Ton verklungen war, lag für einige Sekunden Stille über dem Hochtal. Der Puls der Läufer ging schneller. Dann der Countdown und ein Schuss. Und endlich war es soweit: Punkt 8.30 Uhr machten sich 150 Eliteläufer, darunter große Namen wie Remo Fischer, Petr Novak, Antonella Confortola und Tatjana Mannima, auf den Weg nach S-chanf. Während die Tempomacher bereits die Engadiner Seen hinter sich ließen, machten sich die nächsten Blocks mit farbenfroh gekleideten Startern in Maloja langsam bereit. Im 10- und später im 20-Minuten-Takt wurden zunächst die „Elite-C-Läufer“ mit orangefarbenen Startnummern, die „Hauptgruppen A“ und „B“ mit grünen, bzw. roten Nummern und um 9.30 Uhr schließlich die blau markierte Gruppe der Volksläufer ins Rennen geschickt. Vor jedem Startschuss das gleiche Zeremoniell. Tausende von Läufern verspürten die innere Nervosität, klopften sich gegenseitig auf die Schultern, warfen sich einen letzten Spruch zu.

Und jetzt waren wir also alle unterwegs. Ein buntes Feld aus 12.540 Läufern. ­Darunter gab es Läufer, die bisher an allen Engadin-Skimarathons teilgenommen hatten. Diese 17 treuen Starter absolvierten die Strecke damit zum 45. Mal. Wenn die mal nicht wussten, wie es die Kurven am saubersten zu schneiden galt, wer dann?

SPEKTAKEL AUF UND AN DER LOIPE

Auf der berühmten Abfahrt im Stazerwald, die regelmäßig für die besten Schnappschüsse sorgt, gab es in diesem Jahr wieder einmal eine fröhliche Rutschpartie. Während die ersten tausend Läufer noch eine recht griffige Schneefläche vorfanden, erwartete die Nachfolgenden das blanke Eis. Klar, für die Starter aus der Schweiz (72 % des Feldes) stellte das eine willkommene alpine Herausforderung dar. Doch wie sah es mit den internationalen Teilnehmern aus? Den Briten, Spaniern, Portugiesen …? Die Blöße, die Skier abzuschnallen gaben sich jedenfalls die Wenigsten. Man darf beruhigt davon ausgehen, dass die begeisterten Zuschauer sie irgendwie den Berg heruntergejubelt haben. Ob auf den Brettern oder dem Hosenboden sei mal dahingestellt.

Überhaupt war die Stimmung auch am Rand der Strecke wieder sensationell. Die Anfeuerungen nahmen kein Ende – und da der eigene Name auf der Startnummer aufgedruckt war, wurde jedem persönlich zugejubelt. Besonders nachhaltig schallte einem das energische und emotionale „Dai, dai!“ der Italiener und „Allez, allez!“ der französischsprachigen Fans entgegen.

Sollte bei dem einen oder anderen Läufer dennoch die Energie auf der Strecke ­geblieben sein, kann es gewiss nicht an den zahlreichen Verpflegungsständen gelegen haben. Wo die Profiläufer, ohne Zeit zu ­verlieren, vorbeirauschten, hatten die Amateurläufer Gelegenheit, das Tempo zu ­zügeln und sich ein warmes Isogetränk oder ein Stück Banane zu schnappen. Volksläufer hielten an den Ständen meistens dankbar ein paar Sekunden an. Sie nahmen sich die Zeit, ihre Energiespeicher aufzufüllen, um, begleitet von aufmunternden Worten der fleißigen Helfer, zurück auf die Strecke zu gehen. Während etwas mehr als zehn Prozent des Starterfeldes den Lauf in Pon­tresina beendeten und damit ihren Halbmarathon erfolgreich absolviert hatten, galt es ab hier für den Rest des Feldes, noch ­weitere 21 Kilometer zu bewältigen. Viele berichteten später, dass sie erst jetzt das eigene Tempo so richtig durchziehen konnten. Vorher habe es insbesondere an den Anstiegen teilweise kaum mehr ein Vorwärtskommen gegeben. Da wurden die Nerven der „roten“ und „blauen Gruppen“ mitunter heftig strapaziert, wenn nämlich aus voller Fahrt abgebremst werden musste und dann am Berg kostbare Zeit verstrich, obwohl man so gerne Gas gegeben hätte. Doch auch hierfür steht der Engadin-Skimarathon: Sportliches Fairplay, selbst wenn einem die ­Minuten davonlaufen.

Dank idealer Bedingungen herrschte in der Nähe des Flugplatzes Engadin nicht der übliche Gegenwind. Es ließ sich dadurch, sofern man noch bei Kräften war, viel Zeit gutmachen. Und dann war auch schon bald der gefürchtete Teil der Strecke erreicht: die „Golanhöhen“. Spätestens hier zahlten sich die über den Winter absolvierten Trainingskilometer deutlich aus.

DIE ENTSCHEIDUNG

Während zehntausend Läufer noch zu kämpfen hatten, fiel im Zielbereich bereits die Entscheidung unter den Spitzenläufern. Das Feld der ersten 30 Männer war extrem dicht beisammen. Entsprechend packend der Zielsprint! Der noch relativ unbekannte Franzose Pierre Guedon entschied den letzten kräftezehrenden Kampf für sich und erreichte das Ziel in einer Zeit von 1:28:19,6. Cristian Zorzi, der berühmt-berüchtigte Italiener, stürmte mit einer halben Sekunde Rückstand zu Silber. Ihm folgte ­Christophe Perrillat Collomb aus Frankreich dicht auf den Fersen, er sicherte sich damit die Bronzemedaille. Nun ging es Schlag auf Schlag. Die Tatsache, dass 29 Läufer unter 1:29 Stunden geblieben waren, zeigte, wie dicht es im vor­deren Feld der Herren zugegangen war.

Für eine echte Sensation sorgte die ­finnische Weltcup-Läuferin Riitta-Liisa ­Roponen. Hatten die Siegerinnen in den Jahren zuvor im Ziel in der Regel zwischen fünf und sieben Minuten Rückstand auf den Sieger der Herren, fuhr Roponen dank der schnellen Verhältnisse zwischenzeitlich nur knapp den dreißig besten Männern hinterher. Im Ziel gewann sie nicht nur hochverdient die Goldmedaille, sondern stellte mit einer Zeit von 1:29:52,3 und einem Rückstand von nur eineinhalb ­Minuten (!) auf Guedon, den Sieger der Herren, einen neuen Streckenrekord bei den Damen auf. Die Schweizerin Seraina Boner verteidigte souverän ihre Silbermedaille aus dem Vorjahr und lief mit einem Rückstand von gut zwei Minuten auf die führende Roponen ins Ziel. Anouk Faivre Picon aus Frankreich, die als Siegerin des Vorjahres entsprechend mit der Startnummer eins unterwegs war, sicherte sich den Podestplatz für Bronze.

ENDSPURT UND ENDORPHINE

Als die Siegerinnen und Sieger vermutlich längst in Richtung Umkleide entschwunden waren, erreichte ich den Punkt des Rennens, den ich herbei­gesehnt hatte. Die letzte Kilometer­­an­gabe – nur noch ein einziger Kilometer trennte mich von der Ziellinie. Da waren die übersäuerten Beine vergessen! Beflügelt durch die Unterstützung der Zuschauer ­mobilisierte ich die letzten Kraftreserven. Nur noch die letzte Abfahrt. Nur bloß kein Sturz mehr, so kurz vor dem Ziel. Und dann genoss ich den Zieleinlauf und konnte im Ziel schon wieder lachen. Die Sonne tat es auch und die Teilnehmer um mich herum ebenso. Und hatten wir uns gerade beim Anstieg innerlich noch gefragt, warum­ wir uns die Quälerei immer wieder freiwillig antun, so bekamen wir jetzt prompt die Antwort geliefert: Um genau diesen glücklichen Moment erleben zu dürfen! Gemeinsam mit den anderen Läufern, die sich genauso durchbeißen mussten, die an den Anstiegen genauso gekämpft hatten und denen die letzten drei Kilometer ebenso endlos lang erschienen waren wie einem selbst. Das Bibbern vor dem Start am ­frühen Morgen, das Gedränge auf den ­ersten Kilometern, das Auffahren des Hintermanns, wenn vorne das Tempo zum Stocken kam, der kleine Einbruch bei Kilometer 34 – all das war mit einem Schlag vergessen, als man im strahlenden Sonnen­schein, bei herrlicher Bergkulisse im Zielbereich stand, sich die Medaille von den Kindern im Ziel ­umhängen ließ und den Moment einfach nur genoss. Wenn man sich dann umsah und in ausnahmslos glückliche und strahlende Gesichter blickte, hatte sich die ­Frage längst von selbst beantwortet, ob es ein Wiedersehen beim nächsten Engadiner geben wird. „Allegra 2014!“

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Cyrill Rüegg aus der Schweiz sieht das Ganze als Spaß. Aber immerhin: In seinem Kuhkostüm kam er nach 2 ¾ Stunden ins Ziel. Fotos: Marc van Swoll, swiss-image.ch/Mettler
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Für Rene Rauch aus Erfurt war es bereits das 11. Mal, dass er beim Skimarathon in der Schweiz dabei war.

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