Alexander Tichonow: Der „General“ erobert die Biathlon-Welt

Elf Weltmeistertitel, vier Mal Gold bei Olympia – was Alexander Tichonow von 1968 bis 1980 schaffte, gelang bisher keinem anderen Biathleten.

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Kraftvoll und dynamisch marschierte Alexander Tichonow durch die ­Loipen, hier im Jahre 1977.

Doch der Ausnahmesportler aus Sibirien ­schoss später als Geschäftsmann und Biathlon-­­Verbands-Funktionär gern mal über das Ziel hinaus – und machte dabei seinem Spitznamen „General“ alle Ehre.

Er hatte gerade eine Riesenleistung vollbracht – und doch wirkte Alexander ­Tichonow unzufrieden. Der drahtige, 20 Jahre junge sowjetrussische Sportler, der mit seinen 1,73 Meter Körpergröße auffiel zwischen all den großgewachsenen Biathleten aus Skandinavien, war als Neunter bei den Biathlon-Weltmeisterschaften 1967 in Altenberg im Erzgebirge ins Ziel gekommen. Ein tolles Ergebnis für einen Läufer, der vom Alter her damals eigentlich in die Juniorenklasse gehört hätte. Doch Tichonow wollte mehr. Er wollte ­dahin, wo an ­diesem Tag sein Landsmann Viktor ­Mamatow war, der trotz sechs Strafminuten Gold gewann, mit elf Minuten Vorsprung vor dem Zweitplatzierten Stanislaw Szczepaniak aus Polen.

Jeder, der Tichonow kannte, wusste, wie hart und ehrgeizig er an sich arbeitete. In Uiskoe (Südural) geboren, entdeckte ­Tichonow früh das Biathlon. Dieser Sport war wie gemacht für den leidenschaftlichen Jäger. Damals schossen die Athleten mit einem Großkalibergewehr auf 150 Meter entfernte Scheiben. Im Sportsystem der UdSSR blieb Tichonows Talent nicht lange verborgen. Es war Trainer ­Alexander ­Priwalow, der sein großes Potenzial erkannte und ihn zu einem Weltklasse-­Biathleten formte. Als diszipliniert und ­gelehrig galt der junge Bursche aus Sibirien. ­Priwalow, der selbst als ­Aktiver eine Silber- und eine Bronzemedaille bei Olympia ­gewann, schwärmte von Tichonow: „Er kommt ­meinen Vorstellungen von ­Biathlon sehr nahe!“

Mit 19 Jahren kam der Soldat der Roten Armee bereits in die Nationalmannschaft. Bei den sowjetischen Streitkräften hatte der junge Biathlet etliche Freiheiten und erhielt bald einen Offiziersrang. Was Tichonow auch den Spitznamen „Der ­General“ innerhalb der Mannschaft einbrachte. Seine erste Medaille holte sich der damals 20-Jährige 1967 bei der WM in Altenberg mit der sowjetischen Staffel. Tichonow ging als Startläufer in die Loipe und gab an Viktor Mamatow weiter. Das Quartett, zu dem auch Rinnat Safin und Nikolai Pusanow gehörten, musste sich lediglich den starken Norwegern geschlagen geben. Was dem Cheftrainer der ­Sowjet-Staffel weniger gefiel, waren die 16 Strafminuten. Was aber immerhin noch sieben weniger waren als bei der DSV-Mannschaft, die mit 23 Strafminuten und 33 Minuten Rückstand auf die Sieger aus Skandinavien Rang 12 belegte.

Hilfe vom Rivalen

Nun ging es Schlag auf Schlag in der Karriere von Tichonow. Bei der Winterolympiade in Grenoble 1968 errang Tichonow über die 20-Kilometer-Distanz eine Silbermedaille und gewann mit der Staffel sein erstes Gold. Von 1968 bis zu den Olympischen Spielen 1980 gehörte Tichonow der UdSSR-Staffel an, die vier Mal in Folge den ersten Platz belegte. Kein Athlet hat es ihm bis heute gleichgetan.

Zu Tichonows Dauerrivalen wurde Biathlet Dieter Speer aus der DDR. Die beiden ­bekämpften sich im Rennen, mochten sich aber persönlich, halfen sich sogar gegenseitig. Tichonow schenkte dem deutschen Sportler einen Hochschaft für dessen ­Gewehr. Dadurch konnte Speer seine Schießergebnisse verbessern. Bei der ­Biathlon-WM 1971 trafen beide im 20-Kilometer-Wettbewerb aufeinander. Speer gewann und holte als erster Deutscher eine Goldmedaille im Biathlon. Tichonow belegte Rang zwei. Ein Jahr später waren beide bei den Olympischen Winterspielen von Sapporo am Start. Beim ­Einzel­­wettbewerb belegte Tichonow den undankbaren vierten Platz.

Und was dann am 11. Februar 1972 passierte, ist legendär. Tichonow unterliefen in der Staffel zwei Fehlschüsse. ­Damals schossen die Biathleten noch mit Armeegewehren auf zerbrechliche Scheiben. Tichonow, Startläufer der favorisierten UdSSR-Staffel, versuchte, seine beiden Nieten in der Loipe wiedergutzumachen. Doch er hatte es mit den starken Esko Saira aus Finnland und Hansjörg Knauthe aus der DDR zu tun. Plötzlich stürzte er und brach sich seinen linken Ski. „Ich dachte, jetzt ist alles endgültig aus!“, kommentierte Tichonow später den Zwischenfall. In ganz unmittelbarer Nähe wärmte sich Dieter Speer auf. Er sollte als dritter Athlet für die DDR-Staffel ins Rennen gehen und sah das Missgeschick von Tichonow. Spontan zog Speer seine Skier aus und gab sie dem Startläufer der ­sowjetischen Staffel, der damit weiterlief und seine Mannschaft auf Goldkurs ­brachte. Während das Quartett aus der UdSSR siegte, belegte die DDR-Staffel Rang drei. Der hilfsbereite Athlet der SG Dynamo Zinnwald erhielt später von der UNESCO den Fairplay-Pokal verliehen. ­Tichonow hat diese sportliche Geste von Speer nie vergessen.

Ruhpolding: Sein Wohnzimmer

In den kommenden Jahren blieb Tichonow weiter in der Erfolgsspur und versuchte, seinen Laufstil zu perfektionieren. Als Erster gewann er 1977 einen Biathlon-Weltcup – in Ruhpolding. Er liebte diesen Ort, Ruhpolding entwickelte sich für ihn zu seiner „guten Stube“, denn hier dominierte er die Konkurrenz. In Ruhpolding gewann er 1979, mit bereits 32 Jahren, bei seiner letzten WM Silber im ­Einzelrennen über 20 Kilometer. Tichonow bezeichnete den Ort in Oberbayern als „meine Stadt“. „Ich glaube, ich war über hundert Mal in Ruhpolding“, sagte er 1999 der „FAZ“.

1978 kam die Umstellung vom Großkaliber zum Kleinkaliber. Tichonow liebte das Großkaliber. Mit einer großen Geste verabschiedete sich „der General“ von dieser Waffe. Bei der WM 1977 im norwegischen Vingrom hielt er kurz vor dem Ziel das Gewehr über den Kopf – und ließ es dann in den Schnee fallen. Etliche Spitzenläufer hatten Probleme mit dem Kleinkaliber und den kürzeren Abständen (50 statt zuvor 150 Meter) zu den Scheiben. Tichonow nahm die Herausforderung an. Trotzdem fiel das Ergebnis bei der WM 1978 im österreichischen Hochfilzen bescheiden für ihn aus. Er blieb ohne Medaille. In beiden Einzelrennen, Sprint und 20 Kilometer, belegte er den 17. Platz, mit der Staffel landete er auf Rang vier hinter dem DSV-Quartett. Doch zwei Jahre später gewann er in Lake Placid, USA, zum vierten Mal olympisches Staffel-Gold – und schaffte damit einen angemessenen Karriere-Abschluss. „Ein Talent wird man nicht, das ist man von Geburt an“, sagte Tichonow 1978 der DDR-Zeitung „Sport-Echo“. Dank seines Talents – aber auch dank harter Arbeit – hatte er 13 Jahre lang der Nationalmannschaft angehört und eine Ära geprägt. Sein Wissen gab er ­später im Trainerstab weiter.

Geschäftsmann und Funktionär

Nach dem Ende der Sowjetunion begann die zweite Karriere von Tichonow – als Funktionär und Unternehmer. In den Wendejahren erwirtschaftete er sich ein Vermögen und investierte in die Landwirtschaft. Er blieb ehrgeizig wie eh und je: Jagte er früher den Medaillen nach, so nahm er jetzt Rubel und Dollars ins Visier.

1998 ließ sich der ehemalige Olympiasieger zum Präsidenten des russischen Biathlon-Verbandes (RBU) wählen. Und wurde 2002 Vizepräsident des Biathlon-Weltverbands (IBU). Im RBU machte Tichonow seinem Spitznamen „General“ zweifelhafte Ehre. Über seinen autoritären Führungsstil beschwerte sich etwa die Weltmeis­terin von 2008, Jekaterina Jurjewa: „Es gibt keine Mitbestimmung in unserer Mannschaft. Tichonow macht, was er will.“ Er entließ kurzerhand Frauen-Cheftrainer Waleri Polchowski, weil er neue Vermarktungsregeln nicht unterschreiben wollte. Und holte immer wieder nach Gutsherrenart Athleten zurück in den Kader oder suspendierte sie. Für Tichonow, den ehemaligen Major der Roten Armee, galt anscheinend der militärische Grundsatz von Befehl und Gehorsam.

Doch dann geriet Tichonow selbst unter Druck. Er wurde verdächtigt, im Jahr 2000 zusammen mit seinem Bruder Viktor und einem weiteren Verschwörer einen Anschlag auf Aman Tulejew, dem Gouverneur von Kemerowo, geplant zu haben. Und der vierfache Olympiasieger wurde 2007 sogar zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt – blieb dank einer Amnestie jedoch vom Gefängnis verschont. Im Zusammenhang mit dem Gerichtsverfahren überlegte die IBU, den ehemaligen Olympiasieger seines Postens als ersten Vizepräsidenten zu entheben. Tichonow meinte zu den Vorgängen: „Gegen mich wird von manchen Personen eine Hexenjagd veranstaltet.“

2008 erklärte er seinen Rücktritt als RBU-Präsident, wurde zunächst Vizepräsident und trat von diesem Amt im Juli 2010 ebenfalls zurück. Im September des gleichen Jahres rückte bei der IBU sein Landsmann Sergej Kuschtschenko als 1. Vizepräsident in den Vorstand für ihn nach.

Noch heute meldet sich Tichonow gern als Biathlon-Experte zu Wort. Und gibt auch dabei weiter den „General“. Im März 2013 kritisierte er Wolfgang Pichler, den deutschen Trainer des russischen Frauen-Biathlon-Teams: „Ich bin es nicht gewohnt, zwischen dem Damen- und Herrenteam zu unterscheiden; bei uns gibt es nur ein gemeinsames Team. Und diesem Team würde ich die Note ‚ungenügend‘ geben“, sagte Tichonow. Er ist halt immer der „General“ geblieben, der am Schießstand große Treffsicherheit bewies und sich als Funktionär manchen Querschläger erlaubte.

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Als Verbandsfunktionär pflegte ­Tichonow einen autoritären ­Führungsstil, mit dem er sich nicht nur Freunde machte.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

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