Der Faszination Langlauf auf der Spur: Vom Nachsitzen und Schwitzen

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!

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Parallelflug: Die Talentiertesten kamen nach nur einem Tag „fast“ mit Michi Greis (r.) mit!

Dieses Sprichwort überprüften 18 Journalisten im Dezember auf ­seinen Wahrheitsgehalt. Unter Anleitung von Ex-Biathlon-Ass Michael Greis verpassten sie sich einen zweitägigen ­Langlauf-Crashkurs. Mit unter den „Grundschülern“: nordic sports-­Mitarbeiter Timo Dillenberger.

Text Timo Dillenberger Fotos Till Gottbrath

Studium der Sportwissenschaften: check! Studium der Publizistik: auch check! Amateurkarriere als Ruderer und Radsportler: gemacht! Sportjournalismus seit rund einem Jahrzehnt: jawohl! Skilanglaufkilometer bis zum Dezember 2013 insgesamt: exakt null!

Ohne Praxis ist man im Langlaufmetier ein echter Außenseiter, da kann man sich in Biomechanik oder Bewegungslehre so gut auskennen, wie man will. Wie das pummelige Kind, mit dem keiner so recht spielen will, so kam ich mir mitunter vor, wenn die Gespräche allzu sehr in die Tiefe der Lauftechnik gingen oder wenn es um die geradezu fesselnde Faszination des Sports ging. Kein gutes Gefühl als nordic sports-Mitarbeiter.

Gerade recht kam mir da die Einladung des nordischen Traditionsherstellers ­Mad­shus: Einen Skikurs explizit für „Nichtskönner“ sollte es geben. Da fühlte ich mich gleich angesprochen. Aber schon mit dem zweiten Satz der Einladung kippte meine naive Neugierde in halb panische Versagensangst: Lehrer sollte mit Michael Greis ein Sportler sein, der schon zu Zeiten, da mein Interesse an Langlauf und Biathlon noch rein privater Natur war, meinen allertiefsten Respekt genossen hatte. Das war, als hätte man seinen ­ersten Aufsatz vor Marcel Reich-Ranicki vorzulesen, uff! Und ich hatte nicht einmal etwas anzuziehen!

Abhilfe diesbezüglich gab’s von Bekleidungshersteller Löffler. Der bekam den Auftrag, den Neuling standesgemäß einzukleiden – was später noch zum persönlichen Highlight der Reise führen sollte. Doch erst mal hieß die Mission: So viel vorbereiten wie möglich, denn die Liste der übrigen Pressevertreter und deren Herkunft verhieß wenig Aussicht auf einen echten Leidensgenossen. München, Innsbruck, Augsburg, Roth – als ob jemand dort wohnt und arbeitet und nicht skilaufen kann. Nur für einen Kollegen aus Hamburg und einen aus Berlin könnte ­der gespurte Schnee genauso mysteriös sein wie für den Kölner, also mich.

Da auch mittelfristig im Rheinland nicht mit Wintereinbruch zu rechnen war, bat ich die Leute von Powerslide, mir ihre Skater und Straßenstöcke noch etwas ­länger zu leihen. Damit hatte ich bei ­vor­herigen Tests immerhin etliche Trockenstunden gesammelt, und das klappte auch gut. Aber versucht mal, klassische Technik mit Skatern zu üben! Und beim Skaten ist man für einen kontrollierten Stockeinsatz oft zu schnell. Außerdem ist die „größte“ Steigung im Großraum Köln die Auffahrt zur zentralen Rheinbrücke.  

Tiefstapeln in Seefeld

Kurzer Exkurs: Wenn 20 Journalisten unterschiedlichster Themengebiete und Medien in einem Raum sind, ist es üblicherweise nicht ruhig, nie! Dass die Präsentation der theoretischen Grundlagen – vom Aufbau und der Funktion eines Skis, der Bindung, der Schuhe bis hin zur Lauftechnik – geräuschlos von den Kollegen aufgesogen wurde wie Tee von einem Beduinen, ließ mich kurz hoffen. Vielleicht ist deren Vorwissen, ähnlich wie meines, eher latenter Art. Aber in einer zusammengewürfelten Gruppe gehört Tiefstapeln auch irgendwie zum guten Ton. Und gerade, als ich eine meiner Fragen für ausreichend qualifiziert hielt, um sie öffentlich zu stellen, lehnt sich aus dem Dunkel der seitlichen Sitzreihe ein Gesicht vorwärts, dass mir unbekannt und vertraut zugleich vorkam. Das Problem, ich hatte Michael Greis nie wirklich unangestrengt gesehen. Hätte er mal etwas mehr nach Luft gerungen und etwas weniger gelächelt, ich hätte ihn eher erkannt und mir die Frage noch einmal überlegt. Aber dann, Erleichterung, wohlwollendes Nicken auf der Trainerbank, kein entsetztes Augenrollen des Altmeis­ters á la „wo bin ich hier gelandet?“ und eine fundierte Antwort von Co-Trainer Roland „Roli“ Lentner, der ähnlich wie das Löffler-Outfit an diesem Tag meine Langlaufkarriere noch nicht kreuzen sollte. Ich war nämlich zunächst zum „klassischen“ Dienst bei einem anderen Trainergespann eingeteilt, und der Anzug, der war noch nicht da! Die österreichische Post hatte ihn auf dem Weg aus Ried verschlampt, klasse! Sei es Hellsehen, sei es gute Vorbereitung oder Zufall, ich hatte mir einen Satz Fahrradklamotten aus der Heimat mitgebracht. Leider führte dessen konturreicher Sitz und das wenig zurückhaltende Design dazu, dass das Journalisten-Kollektiv wohl dachte, ich sei der Topsportler im Rudel – gerade ich!    

 

Gleiten und Leiden

Also ran ans Madshus-Arbeitsgerät! Das Einsteigen in eine Bindung kannte ich vom Radfahren, aber der labile Sitz der Latte unter dem ebenfalls eher schmeichelhaften Schuh wirkte zunächst wie ein Fremdkörper, den es abzuschütteln galt. Trainerin Simone hatte aber eine andere Verwendung für den Monoski vorgesehen! Von den vier „Gerätschaften“ mit nur diesem einen bestückt, hieß es, erst einmal das Gleichgewicht über den unverschämt schmalen Dielen zu finden. Was auf Rollen durch zarte Lenkbewegungen des „Gleit-Skates“ funktioniert, wird in der Loipe aber durch deren seitliche Begrenzung jäh unmöglich gemacht. Da ist nichts mit Lenken in der Spur. Bleibt also nur das feinfühlige Austarieren mit dem Körper, während dieser eine Bewegung ähnlich der beim Kickroller-Fahren vollführt. Kurzfristig überlegte ich, ob meine Organe sehr asymmetrisch angeordnet sind. Denn gleich welches Bein durch den einzelnen Ski zum Gleitbein wurde, das Ganze kippte grundsätzlich nach rechts. Dann die Erleuchtung: Da solche Tendenzen auch immer was mit Sturzangst zu tun haben, erinnerte ich mich meiner Zeit als Ruderer. Da warf ich Anfänger mit Verkrampfter Haltung kurzerhand über Bord. Wer eh nass ist, hat keine Angst zu kentern, also ab in den Schnee. Hätte ich nur gewusst, dass kurz drauf der richtige Notsturz zur gemeinsamen Übung würde, wäre mein Rad-Outfit erst etwas später klatschnass gewesen. Gelegenheit, mich am Schnee zu rächen, gab es aber schnell. Es galt, mittels Doppelstockschub möglichst gro­ßen Vortrieb in der Ebene zu erreichen, oder in meinem Fall, eher der Schnee­decke möglichst großen körperlichen Schaden zuzufügen. Denn ich „drosch“ auf die Spur ein, bis plötzlich Altmeister Michael Greis mit der Skating-Gruppe neben mir auftauchte und „mehr Eleganz“ einforderte. Kurz entbrannte eine Stilfrage. Sollte man bei Doppelstockschub die Beine deutlich beugen oder nicht? Trainer Greis propagierte die vielleicht minimal weniger elegante, aber ­effektivere Version mit tiefem Knicks. Für den Sportwissenschaftler in mir nachvollziehbar, weil der Rumpf sich bei ­gebeugter Hüfte leichter über die Griffe bringen lässt. Meiner sportpädagogischen Ausbildung ist es übrigens zu verdanken, dass es im Laufe des Kurses nicht zu ­Todesfällen gekommen ist, denn mit steigender Geschwindigkeit empfand ich es als durchaus sinnvoll, langsam auch das Thema Bremsen ins Portfolio aufzunehmen. Dieser Bitte wurde nachgegangen.

KLASSIK UND SKATEN

Und dann war es so weit, Vor- und Trockenübungen mündeten in klassischem Laufen. Anfängliches Misstrauen in die Steigzone der Madshus-Bretter – weg! Das mit dem dynamischen Abdruck klappte, ich landete, wie übrigens viele andere Kollegen, erstaunlicherweise auch immer mit Schwung auf dem Gleitski. Doch genau in dem Moment war’s dann auch vorbei mit flott und dynamisch. Als ob man auf Torf joggen würde: in der Luft hui, am Boden pfui. Im Moment erster Selbstzweifel dann ein Paar Skispitzen neben mir, eine Wolke gefrorenen Atems und ein Satz, den ich seit der Tanzschule mit 14 nicht mehr gehört hatte: „Du musst die Hüfte mehr reinbringen, dreh das Becken beim Abstoß seitlich auf!“ Michi Greis hatte schnell erkannt, das ich, wie wohl viele Anfänger, ein Bewegungsmodell auf Roboter-Art im Kopf ­hatte, bei dem alle Bewegungen und Körperebenen rechtwinklig zueinander ausgerichtet sind. Aber konnte er nicht we­nigs­tens während des Einzelcoachings ein bisschen schnaufen? Ich für meinen Teil spürte schon die Schläfen ordentlich ­pochen – und fragte Geis nach seiner Fitness. Antwort: Auch wenn er keine Wettkämpfe mehr laufe, trainiere er noch recht oft, wenn auch nicht auf einen Marathon oder ähnliches hin, sondern einfach für Körper und Seele. Die langen Distanzen, also Läufe über drei oder vier Stunden, seien eh nicht sein Ding.

Zurück in die Loipe oder, wie ich sie mittlerweile nannte: Laktatbildungs-Rille! Mit dem Meister als Flügelmann sollte es auch nicht zu langsam werden, Anfänger hin oder her. Und weil die Beine das Brennen nicht mehr einstellten, übergab ich das Leid an die Schultern und stach beidseitig auf den Schnee ein, dass die Teller sich jedes Mal drei Finger breit in die Spur gruben. Gott sei’s gedankt, dass Journalisten so hyperkommunikativ sind. Die Eins-zu-eins-Betreuung pausierte schließlich an einer der vielen Gesprächstrauben entlang der Runde. Kollegenfrage: „Welche Technik ist eigentlich schwerer zu lernen?“ Antwort Greis: „Skaten!“ Das kann was werden!

Die klassische Technik ahme eine natürliche Bewegung nach, erklärte Greis. Skaten sei dagegen sehr diffizil, was die Verlagerung von Gewichten und den Winkel des Skis auf dem Schnee angehe! Außerdem „verhakeln sich Skier und Stöcke am Anfang leicht“. Ja Herrschaftszeiten, und ich brech jetzt schon bald zusammen! Also wieder in die Spur, bevor die Meute mir im ­Nacken sitzt. Fazit vor der letzten Übungsrunde: Meine Waden könnten bei den kleinen – „Steigungen“ wäre zu schmeichelhaft – Wellen an ihre Geduldsgrenze stoßen, der Latissimus-Muskel und die ganze Schulter stehen kurz vor der Arbeitseinstellung und die Bauchmuskeln, warum brennen die eigentlich? Immerhin bin ich meinem Ziel, das Vokabular und das Feeling dieses Sports aufzu­arbeiten, einen – Achtung! – „Doppelstockschub“ näher gekommen.

Zu dick fürs Gleiten

Der Geist oder vielmehr das Ego siegt über den Körper, und ich biege noch mal in die Sechs-Kilometer-Schleife ein. Global erschöpft und das Paukerteam nicht in Sichtweite, versuche ich nicht mehr, mit jedem Schritt zwölf Meter weit zu kommen. Und rumms, es läuft. Für 20 Schritte habe ich das Gefühl, Langlauf zu betreiben und nicht mehr verkrampftes, energiefressendes Schnee-Verdichten! Locker muss es gehen, mit gefühlvollem Abdruck, den man auch am Fußballen spürt. Auch die Rotation in der Hüfte fühlt sich auf einmal richtig an. Ich bin nicht pfeilschnell, aber im Verhältnis zum Kraftaufwand ... und plöpp, steche ich mit dem Stock außerhalb der Spur ein und versinke mit ihm bis zur Hälfte. Voller Stopp am Oberkörper, aber die Skier rutschen jetzt auf einmal gut, und ich schraube mich um meinen Anker in den tiefen Schnee. Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören, und ich tapse die letzten paar 100 Meter zum Sammelpunkt. Bei meinem Ausflug neben die Spur hat viel Schnee die Skier bestäubt, und bevor sie im Skisack verschwinden, entferne ich die Schicht. Als die Hand das Dekor freilegt, fällt der Blick erstmals auf einen kleinen Schriftzug auf meinen Latten: 75 kg. Das hatte ich zuletzt mit 13 gewogen! Genau in dieser Sekunde verstehe ich schlagartig das Prinzip aus Skispannung, Gleitzonen, Biegekräften, Steigzone und wie und wann sie beim Laufen zu Tragen kommen. Ich hab den ganzen Tag mit meinen 90 Kilo die top präparierte Mittelzone in den Schnee gepresst. Je energischer ich auf den Gleitski gesprungen war, desto mehr hatte ich die Bremse in den Schnee gehauen! Die Techniker hatten wohl einfach mein Gewicht bei der Ausgabe unterschätzt. Okay, das versöhnte meine gepeinigte Sportlerseele, die nicht ­umhinkam, wahrzunehmen, dass einige in der Gruppe locker leicht über die Loipe tänzelten, trotz gleicher Erfahrungswerte wie meiner einer. Gut, einige wenige erinnerten stilistisch eher an den dauerstolpernden Butler aus „Dinner for one“ und wieder andere an das energielose Dahingeschlurfe des Kindes aus der „Sanostol“-Werbung der 80er-Jahre. Aber was der Seele half, konnte die Schultern nicht wiederherstellen. Nicht einmal nach einem Tag Holzhacken hob sich die Gabel beim Abendessen so schwer an. Der Versuch des Hochdrückens aus der Wanne endete – unerfreulich. Und Skaten sollte die kompliziertere Technik sein? Dann gute Nacht!

Neuer Tag, neuer Dress, neues Glück

Bereits erwähntes persönliches Highlight folgte dem Frühstück, der Kellner brachte neben Kaffee nämlich auch das Paket mit meinem Outfit. Eine halbe Stunde eher, und ich hätte mir das Essen verkniffen, denn Löffler hatte ins Volle gegriffen und mir das Nationalmannschaftsoutfit der Österreicher geschickt – dünner als das Radzeug und eng wie ein Tattoo. Kaum hatte ich meine zweite Haut an, da nahm mich der resolute Oberkellner bei der Hand und führte mich mit den Worten „Ich würde Sie gerne jemandem vorstellen!“ an einen Tisch mit drei Herren mittleren Alters. Hä? „Das ist der Nationaltrainer Langlauf hier aus Österreich und sein Team!“ Oh mein Gott, und ich stehe denen als blutiger Anfänger mit Frühstücks-Bäuchlein gegenüber und trage ihr Elite-Outfit. Einige charmante Worte und ein Versprechen meinerseits, die Alpen­nation nicht zu blamieren. Später kriege ich Schuh und Ski für den Skating-Tag.

Die zweite Chance

Die feste Manschette des Weltcup-Schuhs von Madshus fühlt sich schon eher an wie bei Radschuhen oder Inlineskates! Die Skier folgen den Fußbewegungen freiwillig. Beim ersten Schneekontakt erfreue ich mich gleich der Tatsache, dass diese Skier Kanten haben, und lasse mir von meinem heutigen Coach Roli Lentner erklären, wie sich verschiede Skiformen, Längen und Härten auf das Fahrverhalten auswirken. Allein durch Demonstration mit seinem eigenen Material werden viele Zusammenhänge gleich viel klarer. Klar war aber auch: Heute konnte es nicht am Material liegen, und auch nicht am Outfit. Roli verzichtete pädagogisch erst einmal auf Detailerklärungen und ließ uns stocklos den Schlittschuhschritt probieren. Und ich kriegte Heimweh nach meinen Inlinern. Denn die hatten Grip, egal in welcher Position am Boden. Das diagonale Gleiten auf dem flachen Ski ohne und mit nachträglichen Einsatz der Kante ist doch ein gutes Stück von der Sommerversion weg. Ein ums andere Mal staubte der Schnee, wenn ich wie ein bockiges Pferd nach hinten auskeilte, anstatt meinen Körper schwungvoll über den Gleitski zu bringen und die Massenträgheit einfach wirken zu lassen. Der Tipp, der die Wende brachte, war, nach jedem Schritt das Schwungbein bewusst ranzuholen und die Schuhe ganz kurz aneinanderzuditschen. So kommt man mit dem Körperschwerpunkt – und wie schwer der ist, hab ich schon offengelegt – immer wieder zur Mitte zurück und gerät automatisch in eine leichte Schunkel­bewegung. Nur bei höheren Frequenzen verpasste der Schwerpunkt dann und wann den Seitenwechsel, die Skier liefen mit jedem Schritt weiter auseinander und der Sportler, also ich, endete in der Haltung eines frisch geborenen Kälbchens mit weit von sich gestreckten Beinen und den Händen im Schnee. Da war man doch froh, als der erste Stock mit ins Spiel kam. Warum haben eigentlich alle Kollegen, mich eingeschlossen, ihre Schokoladenseite rechts? Die nächste Übung musste ich mit Blick auf mein Nationaltrikot eher abseits probieren: Der diagonale Skatingschritt (linker Stock setzt gleichzeitig mit rechtem Ski auf und umgekehrt), unkorrekterweise auch als Damenskating oder noch deutlich abwertender bezeichnet, sieht ein bisschen hölzern und nach Marionette aus, aber soll, wenn’s richtig steil wird, seine Berechtigung haben. Ob es an dem Material lag, am Stil oder an der Gewöhnung an das Element Schnee, unter Trainer Roli Lentner huschte ich von einem Erfolgserlebnis und von einem Lob zum nächsten. Jetzt hätte ich mal das große Vorbild Michael Greis mit Leistung und nicht mit übertriebenem ­Einsatz beeindrucken können, und dann ist er nicht zur Stelle! Klettern, gelände­abhängiger Seitenwechsel in der Zwei-­einser-Technik, Eins-einser-Technik, Brems­schwung aus dem Schneepflug, Umtreten in knöchel­hohem Schnee: Alles hat geklappt, und keiner hat’s wirklich gesehen. Der Geschwindigkeits-Unterschied gegenüber dem Klassik-Stil ist enorm.

Skaten auf eigene Gefahr

„Freies Laufen“, und das neue „rheinische Rennass“ rast voller Adrenalin durchs Seefelder Tal, als hätte es den harten Tag zuvor nie gegeben. Bis, ja, bis zur knackigen Steigung zum Schießstand hoch – die Arme lahm, die Beine im weiten „V“ noch zu unkoordiniert, und zack, sticht es vorm Ski ein und ist dabei so verwundert, dass das Sprichwort „den Boden küssen“ seine Sprichwörtlichkeit verliert! Gott sei Dank, auch das hat keiner gesehen! Michi Greis hatte Recht, Skating ist auf der Ebene vielleicht nicht schwerer als der klassische Stil, aber Gelände-, Situations- und Geschwindigkeitswechsel erfordern eine für Anfänger schier unüberschaubare Anzahl von Stil-Unterarten und Abwandlungen, da können Arme, Beine und der Rest schon mal durcheinandergeraten. Als der Zeitplan das Ende meiner neuen Lieblingsbeschäftigung erzwingt und ich noch einen Rest von Energie in mir trage, gehen alle Gäule mit mir durch. Mit den Bildern eines Petter Northug, Sven Fischer oder Vegard Ulvang im Kopf spurte ich aus der letzten Unterführung der Runde mit vehementem Stockeinsatz heraus, wechsele in die Eins-Einser und vergesse quasi alles übers Gleiten, was ich gerade gelernt habe. Alles an Energie, das noch in mir wohnt, muss raus, jetzt! Und im gleichen Moment, da meine lieben Kollegen meinen weltmeisterlichen Spurt erblicken, realisiere ich: Auf Schnee kann man sich, was Distanzen angeht, ganz schön verschätzen! Gott, ist das noch weit! Aber jetzt anhalten? Nie! Deshalb steche ich meine Stöcke nicht vor mir in den Schnee, ich werfe mich quasi auf die Griffe. Die Beine kommen gerade noch nach, sich irgendwo grob unter mir zu postieren. Mit dem letzten Schub beantwortet sich dann auch eine der letzten Fragen, die ich mit nach Seefeld genommen hatte, von allein. Warum schmeißen sich alle Langläufer im Ziel so konsequent hin? Ganz klar: zum einen, weil es nicht so wehtut wie beim Laufen oder Radfahren, und zum anderen, weil man so bis in die letzte Ritze voll ­Laktat läuft! Das ist beim Laufen eher auf die Beine beschränkt, da hat die obere Hälfte noch die Power, das Atmen zum Beispiel durch Abstützen auf den Oberschenkeln zu erleichtern. In der Sekunde war selbst der kleine Schneepflug ein Kraftakt!

Im Schnee liegend dann noch zwei Erkenntnisse: Der Dress von Löffler hielt im Vergleich zu meinen Radklamotten den ganzen Tag erstaunlich warm. Und ich will einen Volkslauf machen, noch dieses Jahr. Auch wenn das vielleicht etwas kühn gedacht ist, bedenkt man die geringe Praxis: Es wäre schon ein Traum, möglichst bald bei einem der großen ­Skimarathons an den Start zu gehen und, gerne auch ohne Aussicht auf eine Top-Zeit, Teil dieser aufregenden Veranstaltung und der „Langlauf-Sippe“ zu sein. Wer weiß, was dieser Winter noch alles bringt? Ich hab jedenfalls ein neues Hobby, vielleicht sogar eine Passion. Und vielleicht gehe ich auch an die kleine Hassliebe mit dem klassischen Stil noch mal ran, abwarten! 

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Kleider machen Leute: Im AUT-Outfit lief’s für den „Piefke“ gleich dreimal so gut!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

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