Die besten Langläufer aller Zeiten

Fachsimpeln über Schnee und Wachs, dazu Anekdoten und jede Menge Geschichten von früher. Und dann plötzlich die Frage: Wer ist eigentlich der beste Langläufer aller Zeiten?

Eine gute Stube in Oberhof, randvoll mit aktiven und ehe­maligen Rennläufern, Skilehrern, Experten. Gute Thüringer Küche und frisch gezapftes Pils.

Aufgezeichnet von ANDREAS MAYER

Thomas Wassberg, Gunde Svan, Sixten Jernberg und Bjoern Daehlie“, schießt es aus Uwe Spörl heraus. Dem Ausbilder im Team des Deutschen Skilehrerverbands (DSLV) und langjährigen Rennläufer blitzen die Augen: „Das sind Langläufer, die Generationen geprägt haben, die einiges angeschoben haben. Gunde Svan in der Skatingtechnik, Thomas Wassberg als jemand, der immer topfit zum Höhepunkt war, und Jernberg hat eine Menge gewonnen in einer Zeit, in der noch gar nicht so viele Wettkämpfe stattfanden. Ein überragender Techniker. Und Bjoern ­Daehlie natürlich alleine aufgrund seiner Medaillen­anzahl.“

ILLUSTRE RUNDE ZU SPÄTER STUNDE

Die Runde nickt zustimmend. „Gunde Svan und Bjoern Daehlie waren Wegbereiter, um den Langlaufsport auch in Mitteleuropa populär zu machen“, nickt Franz von Wedel. Der Tölzer gehört zu den Urgesteinen in der Langlaufbranche und betreut heute den Vertrieb bei Rossignol. Keine Frage, ich ­befinde mich in einer illustren Runde von Ex-Rennläufern, aktiven Marathonläufern, Skilehrern und einem Franz von Wedel, der sogar schon mal im Fernsehen in einer Expertenrunde des legendären Manfred Vorderwülbecke befragt wurde. „Walter Demel war einer der gro­ßen deutschen Läufer, der nur so konservativ beim Material war, dass er deswegen nicht so erfolgreich war. Der hat seine Ski noch so lange lang gewachst, da haben alle anderen schon kurz gewachst“, weiß der Bayer. „Ich war mal mit ihm zusammen im Rahmen einer Diskussionsrunde über neues Material beim Manfred Vorderwülbecke. Es ging um das ­Thema Renn- oder Holzbeläge. Der Walter glaubte, die Rennbeläge würden alle wieder verschwinden, die wären alles nix, und die Schnabelschuhe würden auch wieder verschwinden, man würde bald wieder mit 75er-Norm laufen. Vor laufender Kamera hat er zu mir gesagt: Franz, was du da erzählst, ist alles Bockmist. Das, was bis jetzt war, das hat immer noch Gültigkeit. Mit anderem Material hätte Walter Demel 1974 eine Medaille gewonnen. Von der Kondi­tion her war er ein Tier! Der hat alles niedergerannt.“

Hätte, wenn und aber. „Mieto und Wassberg“, platzt es aus Jens-Uwe Reinhard heraus. „Das 1.000stel-Rennen! 50 Kilometer! Ohne Kommentar.“

„15 Kilometer!“, so doch ein Kommentar von der anderen Seite des Tisches. „Und es war eine Zehntel!“

„Es war eine Hundertstel – und danach haben sie die Zeitmessung auf Zehntelsekunden beschränkt“, versucht Franz von Wedel zu schlichten. „Mein großes Vorbild zu meiner Zeit war der Sixten Jernberg. Der war in meiner Jugend der Star! Ich habe Sixten-Jernberg-Schuhe gehabt – blaue, handgenähte Lederschuhe, 75er-Norm. Es war der Traum jedes Athleten, die besitzen zu dürfen. Und es hat Ski gegeben, die geteert waren, da hast du noch mit der Lötlampe ins Holz eingebrannt und dann ist der Ski gewachst worden. Und mit so was ist der Walter Demel bei der Weltmeisterschaft 1974 in Fallen über 50 Kilometer Vierter geworden, über 30 Kilometer, glaube ich, Sechster, und über 15 ist er auch unter die ersten zehn gekommen. Wenn der damals schon den Kneissel-Ski gelaufen wäre wie die Skandinavier, dann hätte er mindes­tens zwei oder drei Medaillen gewonnen!“

BEGEISTERUNG IN DER DDR

„Schade, dass das bei uns ein bisschen untergegangen ist, weil der Gerhard Grimmer Weltmeister geworden ist über 50 Kilo­meter“, erinnert sich der Thüringer Uwe Spörl, der in der DDR groß geworden ist. „Das war natürlich eines meiner Vorbilder. Die DDR hat damals auch die Staffel gewonnen. Die waren damals schon gut – der Klause, der Wessmer, der war dann auch noch Zweiter bei der Olympiade 1976. Damals haben wir schulfrei gekriegt, um das zu gucken!“

OLYMPISCHES FIEBER

Weltmeisterschaften, Olympische Spiele – die Highlights, über die hier in Oberhof selbst 30 oder 40 Jahre später noch genau so engagiert philosophiert wird wie während der Live-Übertragung im Fernsehen: „Der Wassberg war immer zu den Großereignissen besonders stark“, erinnert sich Franz von Wedel. „Dazwischen ist er fast in der Versenkung verschwunden.“

„Aber damals war das ja auch anders. Das kannst du nicht vergleichen“, entgegnet Uwe Spörl. „Heute gibt es viel mehr Rennen, jetzt zum Beispiel auch noch die Tour de Ski, früher gab es gar nicht so viele Weltcups …

KASACHISCHE EICHE

„Wen man vielleicht mit Nordhug heute vergleichen könnte, ist Wegart Ylvang. Immer voll fokussiert auf eine Sache“, beteiligt sich auch Thoralf Reinhardt an der Diskussion.

„Also, wen ich auch total geschätzt habe, das war der Wladimir Smirnow“, ergänzt Uwe Spörl. „Weil ich gegen ihn auch selber laufen durfte. Und weil das eine Urgewalt von Mensch ist. Wir haben ­damals immer gesagt: Da haben sie irgendwo in Kasachs­tan einen Riesenbaum gefällt und haben den daraus geschnitzt! Und der hat ja praktisch alles im Alleingang gemacht. Der hatte nach dem Ende der Sowjetunion ja gar keine Mannschaft mehr hinter sich. Der war für seine Größe und seine Kraft ein super Techniker. Und ein ganz feiner Mensch! Ein Wahnsinns-Techniker war auch Per Elofsson, Gesamtweltcupsieger, Weltmeis­ter, in der Skating-Technik unglaublich entspannt ...“

MASSENSTARTS UND EINZELRENNEN

„Wobei sich ja der gesamte Langlaufsport über die Massenstarts so verändert hat, weil heutzutage ein ganz anderes taktisches Verhalten gefragt ist. Früher waren das Einzelrennen, du hast mehr oder weniger dein eigenes Rennen gestalten müssen. Heute ist das ja fast wie beim Radrennen. Das ist aber eine Entwicklung, die ich als extrem positiv empfinde. Weil es fürs Publikum einfach spannender ist.“

„Ich sehe nicht alles so positiv“, kontert Uwe Spörl. „Bei 50 Kilometer laufen sie 48 Kilometer lang nur miteinander, und wenn es dann noch schlechtes Wetter ist, zum Beispiel weil es schneit, dann schicken sie die Liechtensteiner vor. Und dann zwei Kilometer vor dem Ziel zeigen sich die Norweger – das ist nicht so wahnsinnig interessant, finde ich. Also, da könnte man schon überlegen, wie man das Ganze ein bisschen aufpeppt.“

Die Runde wird noch aufgepeppt durch einen Absacker. Und Geschichten, die den Rahmen hier sprengen würden.

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