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Mit Holzskiern unterwegs im hohen Norden: Stilles, weites Land

Keine Loipen, keine Wegweiser, Schnee und Bäume, so weit das Auge reicht – allein ­losziehen sollte man in Schwedisch ­Lappland besser nicht. Doch wer das Gebiet in ­einer geführten Gruppe erkundet, wird mit einzigartigen Erlebnissen belohnt.

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Romantisch: Schnee, Schlitten, Rentiere – in Lappland taucht man in eine eigene Welt ein.

Text & Fotos Matthias Wegener

Die Sonne lässt sich nicht sehen, hier oben auf dem Sonnenberg. Solberget, so heißt er, der 458 ­Meter hohe Hügel oberhalb des gleichnamigen Gehöftes, von dem wir nach dem Frühstück aufgebrochen sind. Zwei Stunden haben wir mühsam unsere Spuren in den lockeren Schnee gezogen. Kalter, weißer Puder, ein Meter dick oder mehr. Wer umfällt, muss sich mühsam wieder ausgraben oder sich von den Begleitern auf die Beine helfen lassen.

In der endlosen Weite nördlich des Polarkreises in Schwedisch Lappland ist es ratsam, nicht allein ­unterwegs zu sein. In dieser Einöde hat niemand Loipen in die weiße Pracht gefräst, keiner hat Hinweisschilder errichtet. Hier wachsen nur viele Tausend Bäume aus dem Boden – Kiefern, Fichten, Birken. Schwer bepackt mit Eis und Schnee. In leichtem Auf und Ab geht es um die Stämme herum wie um steil aufragende Slalomstangen, hinauf zu solch sanften Erhebungen wie dem Solberget. Oben auf der Kuppe thront ein stählerner Riese, ein filigran zusammengebauter Aussichtsturm. Wer ganz nach oben will, sollte schwindelfrei sein. Die Stufen sind durchsichtig, und es geht weit hinauf, über die Wipfel der Bäume hinweg. Bei klarer Sicht muss der Ausblick rundherum überwältigend sein. Wegmarken der ­Zivilisation wären kaum auszu­machen – die Augen könnten sich in der ­kalten, ­klaren Luft sattsehen an den ausgreifenden Wäldern, die bis zum Horizont reichen. Und dahinter geht es noch viele ­Kilometer so weiter.

Das kleine Dorf Nattavaara, zu dem Solberget gehört, wäre zu sehen, die Bahnlinie vielleicht auch, die diesen abgelegenen Landstrich mit Lulea im Osten und mit der Bergbaustadt Kiruna im ­Westen verbindet und schließlich noch weiter nach Norwegen führt, bis nach Narvik. Einige wenige einzelne Häuser ­ließen sich wohl auch ausmachen, jene bunten schwedischen Holzbauten in Rot Gelb oder Blau, die das Land sprenkeln. An diesem Morgen aber, als wir mit urigen Holzskiern auf dem Solberget ­eintrudeln, ist die Luft milchig. Vermutlich ist es zu warm, nicht mal zehn Grad ­minus zeigt das Thermometer. Um diese Jahreszeit können es auch locker mal 25 oder 30 Grad unter null sein. Es riecht nach Schnee. Einzelne Flocken tanzen bereits durch die Zweige. Eine Pause ist uns jetzt sehr willkommen.

Unfassbar leise

Es war anstrengend, durch den weichen Untergrund zu stapfen. Die dicken Thermoschuhe sind mit einfachen Riemen an den Brettern festgezurrt. Unser Guide Mike hat uns bereits vor dem Start heute Morgen gute Tipps gegeben, wie wir kraftsparend laufen können. Unterwegs haben wir uns in kurzen Abständen abgewechselt. Der Erste in der Reihe hatte gut zu tun, auch um die Richtung beizubehalten. Ein Mal kamen wir auf eine riesige weiße Fläche. Die Orientierung war unmöglich. Bei einer kleinen spielerischen Einlage lernten wir ganz nebenbei, wie schnell wir im Kreis laufen würden. Gut, dass Mike im Gegensatz zu uns wusste, wo wir ­waren und wie es weitergehen musste.

Nicht auf eigene Faust loszuziehen gehört zu den Regeln, die wir schon gleich nach der Ankunft auf dem Hof gelernt ­haben. Selbst eine Karte würde uns nur wenig nutzen. Sollte einem allein was passieren, wäre man rasch aufgeschmissen. Auch GPS und Handy wären keine Garantie dafür, schnell Hilfe zu bekommen. Oft machen in dem eisigen Klima sofort die ­Akkus schlapp. Zudem ist das nächste Krankenhaus weit weg. Mehrere Stunden muss man in der Kälte ausharren können, bevor Rettung naht. Es kursieren ein paar unerfreuliche Geschichten über unglücklich verlaufene Zwischenfälle. Wir sind jedenfalls froh, als geführte Gruppe unterwegs zu sein. So können wir uns entspannt auf die Stille der Gegend konzentrieren.

Es ist unfassbar leise. Eine Oase in der Lärmwüste unserer gewohnten Welt. Und als Gruppe haben wir viel Spaß unterwegs, obwohl wir wenig reden. Wir lauschen auf die leisen Geräusche, die unsere Skier ­machen, erspähen eine fast unscheinbare Fährte irgendeines Tieres, die ziemlich verweht ist, und genießen die körperliche Herausforderung hier draußen. Zur Belohnung spendiert uns Mike heiße, frisch ­zubereitete Zimtschnecken. Neben dem Aussichtsturm auf Solberget duckt sich, von weitem gar nicht zu sehen, eine kleine Hütte. Mike hat den Schlüssel, denn Hütte und Turm gehören inzwischen zum Hof, eine idyllische Dependance. Drinnen ein großer Holztisch mit Bänken, vier Betten und ein Ofen mit Herdplatte. Unser Guide wirft Holzscheite in die Brennkammer, fummelt eine Pfanne aus dem Schrank und brutzelt ­unseren süßen Pausensnack. Kerzen geben spärliches Licht, und wir blättern im Gästebuch. Turm und Hütte waren früher Stützpunkte der Feuerwache. Von hier aus konnte man gut beobachten, ob und wo es in der Gegend brannte. ­Inzwischen arbeiten die Brandschützer ­anders. Der Turm wurde saniert, die Hütte auch für romantische Übernachtungen hergerichtet. Paare verbringen hier lauschige Nächte. Kinder erleben mit ihren Eltern Abenteuer in der Wildnis. Im August hat ­jemand geschrieben: „Schnee, minus drei Grad!“, kaum wärmer als heute im tiefsten Winter. Wir sind in Lappland. Solberget heißt ja nicht nur der Berg, sondern auch unser ­Basislager an der Straße zwischen Nattavaara und Jokkmokk. Dirk und Silke, die den Hof betreiben, sind Deutsche. Der Sozialpädagoge ist vor vielen Jahren nach Schweden ausgewandert. Silke kam später dazu, verliebte sich in Dirk und gründete mit ihm eine Familie. Inzwischen haben die beiden drei Kinder zu versorgen und kümmern sich darüber hinaus um ihre Berufe, ihre Rentiere, den Hund, den Kater, ihre Helfer, ihre ­vielen Gäste und ein ansehnliches Programm, das sie ihnen bieten können. Skitouren und Fotokurse, Hundeschlittenfahrten und Ausflüge mit den Rentieren. Silke kann vorzüglich massieren und gibt wertvolle Gesundheitstipps. Regelmäßig verkaufen die beiden ­solides Kunsthandwerk der Einheimischen. Seit mehr als zehn Jahren laden sie ihre ­Gäste dazu ein, der Hektik ihres vollgepackten Alltags zu entfliehen und in der Stille der Polarregion die eigenen Akkus aufzuladen.

Petroleumlampen und Holzöfen

Es sind unaufdringliche Angebote, sich für ein paar Tage von der zu Hause gewohnten Bequemlichkeit zu verabschieden. Wer bei Dirk und Silke Urlaub macht, muss mithelfen. Wasser aus einer nahe im Wald gelegenen Quelle schöpfen, Feuer machen, Müll wegbringen, Tisch decken und die Sauna vorheizen Die Quartiere sind schlicht. Zum selbst gebauten Klohäuschen auf Biobasis muss, wer muss, ein wenig durch die Kälte spazieren. Strom ist weitgehend Fehlanzeige. Warmes Licht verbreiten Petroleumlampen. Geheizt wird mit Holzöfen. Das ­Gemeinschaftsleben spielt sich in der ­Küche des Gästehauses ab.

Bekocht werden alle aber aus dem ­Privathaus nebenan, und dann tragen die Gastgeber Schüsseln und Platten die paar Meter durch die Polarnacht. Leckere Hausmannskost wird serviert, mit Köstlichkeiten, die die Gegend hergibt: ­Rentier, Elch, Lachs. Dazu gibt’s Kartoffeln oder ­Nudeln. Frischen Salat. Wunderbar. Beim Abendessen sitzen alle ­Gäste um den großen Tisch herum und lassen es sich schmecken. Es ist der gesellige Abschluss eines intensiven Tages. Wenn abgeräumt und abgewaschen ist, gehen die meisten ­wohlig müde ins Bett, wenn nicht gerade draußen das unglaubliche Farbenspiel des Polarlichtes zu einer aufregenden Fotonacht einlädt.

Die Sauna ruft!

Die Urlaubstage haben ihren gesetzten Rhythmus. Aufstehen und Frühstück noch im Dunklen, im Schein der Öllampen, danach wird es draußen hell, und hell bleibt es auch bis zum frühen Nachmittag. Wer zu Hause in Deutschland ­darüber unkt, am Polarkreis herrsche zum Jahresbeginn überwiegend schwarze Nacht, kann noch nicht dagewesen sein. Aber nach drei Uhr nachmittags wird es dann aber doch recht schnell düster.

Dann wird es Zeit für die Sauna. In ­Solberget ist das ein ganz spezielles ­Exemplar. Es wird mit Holz angeheizt, stundenlang, gleichzeitig wird in einem Bottich auch das heiße Wasser für den kleinen Waschraum nebenan erhitzt. Der Vorraum erwärmt sich bei dieser Prozedur gleich mit, es steht Bier bereit, die Leute sitzen lässig um einen Tisch herum, ­erzählen sich Geschichten, ruhen sich aus, schmieden Pläne. Es herrscht eine rundum entspannte Atmosphäre.

Ab und zu – etwa wenn interessanter Besuch kommt – fällt die Sauna aber auch aus. Dirk und Silke halten viel davon, ihren ­Gästen Land und Leute einfühlsam ­näherzubringen, ihnen Einblicke in die Geschichte und Kultur der Samen zu ­bieten. Die ­Ureinwohner der Polar­region haben Jahrhunderte lang Rentiere ­gezüchtet, und das hat sie geprägt und mit der ­rauen ­Region verbunden. Aber die Bedingungen werden immer härter. Viele Alte geben auf, viele Jüngere wollen nicht mehr. Die schwedische Regierung mache ihnen das Leben schwer, so erzählt uns Lores, der in blauer Tracht mit dicken weißen Fellstiefeln in Dirks Hütte ­gekommen ist. Wir ­sitzen aufmerksam auf Rentierfellen am ­Lagerfeuer und schütteln immer wieder den Kopf. Das Thema macht uns neugierig, und zwei Tage ­später besuchen wir zum Abschluss der Reise das 3.000 Einwohner zählende Städtchen Jokkmokk, 50 Kilometer ­südlich von ­Solberget, das Zentrum der ­samischen Kultur in Schwedisch Lappland.

Volles Haus zum Wintermarkt

In Jokkmokk lockt uns das „Fjäll- och ­Samemuseum“, in dem viel von der ­Geschichte der Samen zusammen­getragen worden ist. Eine Woche nach unserer ­Abreise wird in Jokkmokk der große ­Wintermarkt stattfinden – es ist das ­Großereignis des Jahres in diesem ­beschaulichen Landstrich. Immer am ­ersten Donnerstag, Freitag und Samstag im ­Februar strömen 40.000 Gäste in die ­Kleinstadt. Auf dem Wintermarkt treffen sich Samen aus ganz Skandinavien, auch ­immer mehr junge Leute kommen, die sich mit ihren Wurzeln befassen. Dann wird gehandelt und musiziert, auf dem zugefrorenen See finden Rentierschlittenrennen statt, und es gibt Vorträge und ­Ausstellungen.

Nicht nur Dirk und Silke haben zu dieser Zeit immer volles Haus. Alle Quartiere in der Gegend sind dann lange im Voraus ausgebucht. Es hat sich aber auch so schon ­herumgesprochen, dass die beiden Deutschen in Solberget seit mehr als einem Jahrzehnt ihre Herzen an das Land im Norden und dessen ­Menschen verloren haben. Vermutlich auch deshalb ­kümmern sie sich seit ­mittlerweile über einem Jahr darum, den ­alten Dorfladen in Nattavaara zu retten, der ­direkt am Bahnhof des kleinen Ortes liegt. Es scheint ihnen gelungen zu sein, und das ist wichtig für die Einhei­mischen, aber auch ein schönes Begrüßungs­geschenk für die Gäste, die nach oft ­stundenlanger, strapaziöser Anreise müde und ­erwartungsfroh aus dem Zug ­purzeln.

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Anstrengend: Durch tiefen Schnee kämpft sich die Skiwander-Gruppe, hier ­angeführt von Sina, die im „­normalen Leben“ ­Flugbegleiterin ist.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

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