Spannung bis zum letzten Schuss

Das ist nichts für schwache Nerven – das Duell Fourcade ­gegen Svendsen und ein Vierkampf um die Krone bei den Frauen halten im Biathlon-Weltcup die Fans in Atem.

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Zweikampf: Bislang war ­Martin Fourcade (r.) am Schießstand oft schneller als Emil Hegle Svendsen – doch wer hat am Ende die Nase vorn?

Und es ist völlig offen, wer die Jagd nach der Kristallkugel gewinnt.

Text Wilfried Spürck

Titelverteidiger gegen Herausforderer, Technik gegen Kraft, Lockerheit gegen Verbissenheit: Bei den Herren bietet die Weltcup-Saison 2013/14 ein Duell, wie es sich das Publikum nicht packender wünschen könnte. Hier Martin Fourcade (25), der Weltcup-Dominator seit 2011, der durch seinen harmonischen Laufstil und sein charmant-lockeres Auftreten abseits der Loipe punktet – dort Emil Hegle Svendsen (28), der Krafttyp, der gern auch mal einen aggressiven Spruch raushaut („Ich bin bereit für den Krieg“, twitterte er etwa 2013 während der WM) und nach drei zweiten Plätzen in Folge dahin zurück will, wo er 2010 schon war: auf den Weltcup-Thron. Noch dramatischer geht’s bei den Damen zu, wo sich ein Vierkampf um die Spitzenposition abzeichnet. Titelverteidigerin Tora Berger und ihrer Erzrivalin Darya Domracheva sitzen Kaisa Mäkäräinen, Gesamtsiegerin von 2010/11, und die Tschechin Gabriela Soukalova im Nacken. Auch hier sorgen die unterschiedlichen Charaktere für das Salz in der Suppe: Die sympathische, aber spröde Berger, die als erfolgsbesessene Biathlon-Arbeiterin gilt, steht im deutlichen Kontrast zu der temperamentvolleren Weißrussin Domracheva, die als eines ihrer Hobbys Computerspiele wie „World of Warplanes“ angibt. Für reichlich Glamour sorgt Shootingstar Soukalova, dagegen bleibt die Finnin Mäkäräinen eher cool und unauffällig. Während die Top 4 der Damen in der Weltcup-Wertung nur wenige Punkte trennen, sind bei den Männern die Rollen zwischen Jäger und ­Gejagtem indes klar verteilt …

Über 100 Punkte liegt Svendsen bereits hinter Fourcade. Ein Grund dafür: Gleich zwei Saison-Wettbewerbe ließ er sausen, um Körner für die Olympischen Spiele zu sparen. Fourcade gönnte sich ­allerdings ebenfalls eine Pause, als er in Ruhpolding nicht an den Start ging. „Das ist typisch für eine Olympia-Saison“, sagt ­Biathlon-Experte Sven Fischer im Interview mit nordic sports (siehe S. 22/23). „Da lassen die Athleten mal den ein oder anderen Wettbewerb aus, aber das nivelliert sich dann im Laufe einer Saison.“ Umso interessanter ist es natürlich, sich die direkten Duelle der Superstars anzuschauen. Und da fällt auf: Je länger die Saison dauerte, desto besser kam der Norweger in Fahrt – lief er zum Auftakt in Östersund am 28. November etwa im 20-Kilometer-Rennen noch fast vier Minuten hinter Fourcade ins Ziel, konnte er ihn Anfang Januar in Oberhof gleich zwei Mal bezwingen, im Sprint und in der Verfolgung. Im abschließenden Massenstart musste er dann jedoch dem Kraftakt ­Tribut zollen und lief als Zwölfter ein – 35 Sekunden hinter dem ­überlegenen Sieger Fourcade.

Die letzten Körner mobilisieren

Auf ähnlich spannende Schlachten wie an den Tagen von Oberhof darf man auch für die Wettbewerbe in Pokljuka, Kontiolahti und am Holmenkollen in Oslo hoffen. Die Athleten nehmen dann keine Rücksicht mehr auf andere Saisonhöhepunkte wie Olympia in diesem Jahr, sondern mobilisieren die letzten Körner. Fischer erklärt: „Zum Ende einer solchen Saison wird man schon etwas müde. Da kommt es darauf an, wer noch die beste Laufform hat.“

Vorteile in ­bestimmten Disziplinen lassen sich zwischen Fourcade und Svendsen nicht wirklich ausmachen. Zwar zeigen die Weltcuplisten auf den ersten Blick eine klare Überlegenheit des Franzosen im Sprint und im Massenstart. Aber: Dies rührt vor allem von dem schwachen Weltcupstart des Norwegers her, der inzwischen – siehe oben – in allen Disziplinen auf Top-Niveau ist. Und auch beim Schießen nehmen sich die beiden Herrscher der Szene bisher nicht viel, auch wenn sich die Verhältnisse gegenüber 2012/13, als Fourcade mit 89 Prozent Trefferquote der bessere Schütze war (Svendsen: 86 Prozent), umgedreht haben: Fourcade trifft die Schei­ben 2013/14 nur zu 86 Prozent, Svendsen zu sehr ­guten 90 Prozent.

Schempp stark

Mit seiner Schieß­leis­tung liegt Svend­sen an dritter Position von allen Athleten im großen Feld – nur der Ös­ter­rei­cher Chris­toph Sumann und der Russe Alexey Volkov waren noch zielgenauer (je 92 Prozent). Gleichauf mit dem Weltcup-Zweiten liegt in dieser Statistik unter anderem Simon Schempp (25). Der Hoffnungsträger des deutschen Teams gewann in Antholz seine ersten beiden Einzel-Weltcups – im Sprint (zeitgleich mit Lukas Hofer) und in der Verfolgung, ließ auch den großen Fourcade hinter sich. Aber: Für den 25-jährigen Schempp wäre es ein großer Erfolg, in der Endabrechnung in den Top 3 zu bleiben. „Top 3 ist riesig für ihn, schon ein Top-8-Platz wäre toll“, sagt Fischer. Im Kampf um den Podestplatz sitzt dem Deutschen neben dem Österreicher Dominik Landertinger (25) kein Geringerer als Altmeister Ole Einar Bjoerndalen, der im Januar seinen 40. Geburtstag feierte, im Nacken. Die lebende Biathlon-Legende patzt zwar – wie üblich – öfter mal beim Schießen (82 Prozent Trefferquote), läuft aber noch wie ein junger Spund durch die Loipen. Ein Podestplatz ist dem sechsmaligen Weltcupgewinner (zuletzt 2008/09) glatt zuzutrauen – eine kleine Sensation, denn viele hatten ihn vor der Saison bereits abgeschrieben. Das Klassement ist allerdings derart eng, dass auch noch andere vorne eingreifen könnten, zum Beispiel ebenjener Landertinger oder das norwegische Super-Talent Johannes Thignes Boe (20), der 2013 zweifacher Juniorenweltmeister wurde und sämtliche Vorschusslorbeeren jetzt bestätigt. Beide können wie Schempp in der Zukunft das Geschehen mitbestimmen. Doch in dieser Saison dürften die Genannten nur Zuschauer sein beim großen Showdown zwischen Fourcade und Svendsen. Und Deutschlands Ex-Biathlon-Star ­Fischer glaubt fest daran, dass das Rennen bis zum Schluss ­offen bleibt. „Bei noch neun ausstehenden ­Wett­bewerben geht noch vieles. Und ich bin mir sicher, dass ­Svendsen sich bis zu seinem Heim-Weltcup in Oslo immer weiter ­steigern wird.“ Die Entscheidung fällt womöglich buchstäblich beim ­letzten Schuss.

Tschechischer Shootingstar

Bei den Damen ist ein Herzschlagfinale erst recht vorprogrammiert. Ganze sechs Punkte trennen Berger und Domracheva voneinander – und beide spüren den Atem der Verfolgerinnen deutlich. Nur elf Zähler hinter Domracheva lauert die Finnin Kaisa Mäkäräinen (31) – weitere ganze 18 Punkte Rückstand hat die möglicherweise gefährlichste Gegnerin des Top-Duos: Shootingstar Gabriela Soukalova. Die 24-Jährige sorgte in der letzten Weltcup-­Saison erstmals für Furore, als sie ihre ersten Siege einfuhr und Gesamt-Sechste wurde. Fischer schätzt die Tschechin sehr hoch ein: „Sie ist sehr nervenstark, stabil und locker. Sie hat ein tolles Team hinter sich, das alles für sie tut.“ In den nächsten Jahren wird Soukalova sicherlich eine der prägenden Figuren an der Spitze sein. Die attraktive Blondine schickt sich außerdem an, einen ähnlichen Star-Status zu erreichen wie vor Jahren Magdalena Neuner. Sportlich wird sich diese Saison noch zeigen müssen, ob sie läuferisch-konditionell schon über so viele Monate und Wettbewerbe ihr Niveau halten kann.

Das Laufvermögen ist bei Domracheva wohl kaum ein Problem. Und nachdem sie sich zwei Mal in Folge mit Platz zwei begnügen musste, müsste sie diesmal besonders ehrgeizig sein. Eigentlich. Denn die Weißrussin wirkt oft etwas instabil, meint auch Sven Fischer: „Ich könnte mir vorstellen, dass – vor allem, wenn sie in Sotschi sehr erfolgreich ist – in dem ein oder anderen Rennen bei ihr die Luft raus ist.“ Immerhin: Nachdem die Weißrussin letzte Saison mit gut 300 Punkten Rückstand auf Berger abschloss, ist sie diesmal deutlich näher dran. Und das hängt vor allem mit den Schießleistungen zusammen: Wahrend Domracheva ihre Quote von 79 auf 81 Prozent leicht steigern konnte, verschlechterte sich Berger von 89 auf 83 Prozent enorm. Die Norwegerin findet laut Fischer nicht die richtige Balance aus Anspannung und Lockerheit: „Es fehlt an Ruhe und Sicherheit bei ihr.“ Und auch die Weltcup-Siegerin von 2010/11, Kaisa Mä­kä­räinen, überzeugt den früheren Olympiasieger nicht hundertprozentig. „Auch sie wirkt auf mich nicht ausgeglichen“, sagt er. Bleibt festzuhalten, dass alle Top-Läuferinnen ihre Schwachpunkte haben. Einen klaren Tipp abgeben möchte Fischer deshalb lieber nicht, aber für wen sein Herz schlägt, verrät er doch: „Ich würde es Gabriela Soukalova gönnen.“

Im Kampf um den Gesamt­sieg spielt das deutsche Team keine Rolle. Immerhin wurden die deutschen Skijägerinnen im Laufe der Weltcup-Saison immer stärker. Für das Highlight sorgte Andrea Henkel, die in Antholz in der Verfolgung den 22. Sieg ihrer Weltcup-­Karriere feierte – und in die Top Ten der Gesamtwertung vorstieß. Für die Siegerin 2006/07 dürfte es in der Endphase der letzten Saison ihrer Karriere wohl vor allem darum gehen, eventuell noch einen weiteren Sieg zu landen. Ein Platz unter den ersten zehn in der Endabrechnung wäre ein toller Abschluss einer ­erfolgreichen Karriere.

Hinter Henkel klopfen weitere deutsche Biathletinnen an die Tür zur Top Ten. Die Nachwuchshoffnungen Laura Dahlmeier (19 Jahre, zurzeit 18.) und Franziska Preuß (19, 14.) schafften einige mehr als respektable Ergebnisse. Dass es noch nicht zur absoluten Spitze reicht, dafür zeigt Fischer Verständnis: „Die jungen Athletinnen können von der Grundkondition her noch nicht so weit sein. Das ist völlig natürlich. Da sollte man keinen zu gro­ßen Druck aufbauen.“ Eine deutliche Aufwärtstendenz zeigte Franziska Hildebrand (26). Sie verbesserte Schritt für Schritt ihre Laufleistung. „Vielleicht kann sie in den letzten Saisonwochen noch einige gute Ergebnisse erzielen“, hofft ­Fischer. Insgesamt könnte Deutschland als Team einen Riesenerfolg erreichen: den Sieg in der Nationenwertung, wo Henkel und Co. zurzeit ganz oben stehen.

Deutsche als Team Top

Ähnlich ist die Lage bei den Herren. Den Staffelweltcup haben sich Schempp, Arnd Peiffer und Co. bereits gesichert. Ein schöner Erfolg, der das Potenzial im deutschen Kader bestätigt. Dieses sollte auch für die ein oder andere Top-Platzierung in den letzten Rennen reichen. Neben Schempp ruhen die Hoffnungen dabei vor allem auf Arnd Peiffer, der für Experte Fischer vor allem in Oslo hoch einzuschätzen ist. Auch die deutschen Biathlon-Herren liegen in der Nationenwertung vorn. Es wäre doch zu schön, wenn im Schatten des großen Duells Fourcade gegen Svendsen für Deutschland die Weltcup-Kristallkugel herausspringen würde. Es wäre natürlich kein Ersatz für große Einzeltriumphe, wie sie deutsche Biathletinnen und Biathleten früher zeitweise in Serie lieferten – aber wenn sowohl Damen als auch Herren als beste Mannschaft aus dem Weltcup-Winter hervorgingen, wäre das doch mehr als ein Trostpflaster. Diese Aussicht sorgt aus deutscher Sicht jedenfalls für zusätzliche Spannung – neben den zu erwartenden ­dramatischen Showdowns der Top-Athleten an der Spitze.

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Gut in Form: Andrea Henkel ist in ihrer letzten Saison bisher beste DSV-Biathletin.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

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