Das Weltcup-Finale: Jagd auf die Ausreißer!

Verkehrte Welt im Langlauf-Weltcup: Während die Titelverteidiger Northug und Kowalczyk hinterherlaufen, schicken sich Sundby und Johaug an, sich erstmals in die Siegerlisten des Gesamtweltcups einzutragen.

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Tempo, Tempo! Chris Jespersen (v.) und Petter Northug (an 2. Position) müssen mächtig Gas geben, um den enteilten Weltcup-Spitzenreiter Martin ­Johnsrud Sundby noch einzuholen.

Doch noch geben sich die Herrscher des letzten Winters nicht geschlagen – und auch einige andere Athleten wollen noch mitmischen!

Text Wilfried Spürck

Im Sport ist es oft wie im richtigen ­Leben: Manchmal bekommt man ohne eigenes Zutun eine große Chance quasi auf dem Tablett serviert. Allerdings, ob man sie dann auch nutzt, hängt überwiegend von einem selbst ab. Martin Johnsrud Sundby bietet sich in dieser Saison die Riesen-Chance, erstmals den Gesamtweltcup im Langlauf zu gewinnen. Eröffnet wurde sie ihm durch die Unglücke und Missgeschicke der zwei Überflieger der vergangenen Jahre. Titelverteidiger Petter Northug, der 2012/13 den Weltcup – und zwei WM-Goldmedaillen – gewann, erlitt im Sommer 2013 eine Viruserkrankung, die ihn in der Vorbereitung weit zurückwarf. Sundbys norwegischer Landsmann, der seit 2007/08 immer in den Top 3 des Weltcups gelandet ist, kam in der Folge nur langsam in Gang – und hat aktuell schon einen sehr großen Rückstand von fast 500 Punkten.

Noch schlimmer erwischte es Dario Cologna, bereits dreifacher Gesamtsieger. Der Schweizer erlitt im November einen Innenband-, einen Außenband- und einen Syndesmosebandriss am rechten oberen Sprunggelenk und wurde operiert. Er kehrte erst zu den Schweizer Meisterschaften Mitte Januar ins Wettkampf­geschehen zurück, gab am 1. ­Februar sein Comeback im Weltcup. Durch den Ausfall der beiden Superstars, die die letzten fünf Weltcup-Gesamtsiege unter sich ausgemacht hatten, war die Bahn frei für ein neues Gesicht auf dem Langlauf-Thron. Sundby, der im letzten Jahr mit Platz acht seine bisher beste Weltcup-Saison hingelegt hatte, nutzte die Chance und setzte sich direkt an die Pole-Position. Doch dafür hat der Norweger, der am legendären ­Holmenkollen in Oslo wohnt, auch hart gearbeitet: „Ich habe mehr trainiert als ­jemals zuvor“, berichtete er in einem ­Interview mit „nordic-online.ch“ kurz vor Saisonstart. „Mein Ziel ist es, im Finish noch schneller zu sein. Bislang konnte ich ein hohes Tempo lange Zeit hoch halten, aber in diesem Moment nicht nochmals zusetzen. Ich hoffe, ich konnte hier Fortschritte erzielen“, führte er weiter aus.

Seine Siege in der Bergverfolgung in Val di Fiemme und über die 35 Kilometer Cortina-Toblach bei der Tour de Ski bestätigen, dass die Hoffnung berechtigt war. Und mit seiner Arbeitseinstellung ist dem Mann, der seine gesundheitlichen ­Probleme (Herz-Rhythmus-Störungen) aus früheren Jahren in den Griff bekommen hat, zuzutrauen, seinen großen Vorsprung ins Ziel zu retten.

Zumal sein erster Verfolger, Chris ­Jespersen, im Grunde eine noch größere Überraschung ist, denn der immerhin schon 30-jährige Athlet – der, man braucht es kaum zu erwähnen, auch aus Norwegen kommt –, lief bisher nur 2010 als Gesamtdritter vorne mit, sonst im Einzel eher unter „ferner liefen“. Bis heute gelang ihm noch kein großer Einzelsieg – kaum zu erwarten, dass Jespersen noch zum großen Schlag ausholen kann.

Der Drittplatzierte, Alexander Legkov aus Russland, musste sich bereits zwei Mal mit dem undankbaren zweiten Platz begnügen (2007 und 2013). Seit Jahren besticht er durch Konstanz. Legkov liegt schon rund 400 Punkte hinter Sundby. Beim letzten Kräftemessen vor Olympia in Toblach distanzierte er diesen – und ­Northug – jedoch deutlich und lief einen beeindruckenden Sieg heraus. Fest steht: Legkov bleibt gefährlich. Spekulieren darf man allerdings, ob der 30-Jährige die Saisonplanung noch mehr als seine norwegischen Konkurrenten auf die Spiele in seinem Heimatland ausgerichtet hat. Als Vertreter der Gastgeber-Nation unterliegt man zuweilen einen besonders hohen ­Erwartungsdruck. Vielleicht kommt es bei ihm nach Sotschi zu einem Leistungsknick – und je nach Abschneiden bei den Spielen ist die Motivation bei Legkov dann even­tuell nicht mehr ganz so hoch wie zum Beispiel bei ­Northug.

Rechenspiele …

Der Titelverteidiger dürfte nach den Problemen zum Saisoneinstieg noch genügend Ehrgeiz haben, ­seinen Landsmann Sundby noch mal voll zu attackieren. Jedoch erfordert es angesichts des großen Rückstandes schon eine ganz besondere Energieleistung, den Teamkollegen tatsächlich noch abzufangen. Ein Blick aufs letzte Jahr mag das ­

verdeutlichen: Da holte Northug selbst mit 1.561 Zählern die Kristallkugel – in einer Weltcup-Saison mit insgesamt 29 Einzelrennen. Sundby ist jetzt schon bei fast 1.100 Punkten. In einer Saison, die nur 26 Rennen (ohne Staffel) auf dem Programm hat. Andererseits bietet das Punktesystem der FIS noch einige Möglichkeiten. Klar dürfte sein: Northug MUSS die Gesamtwertung im Weltcup-Finale in Falun für sich entscheiden, um die 200 Punkte dafür einzukassieren. Auch die ­Bonuspunkte bei den Distanzrennen (siehe auch „Punktesystem“, rechts unten) sollte er nicht liegen lassen. Die Aufgabe ist also schon schwer genug. Doch es könnte zudem noch einer als Spielverderber auftreten, der selbst überhaupt keine Chancen mehr auf den Gesamtsieg hat: Dario ­Cologna. Der zeigte mit seinem zweiten Platz bei seinem Comeback in Cortina, dass er nach seiner Verletzungspause ­offenbar wieder topfit ist. Heißt: Es gibt ­einen weiteren Konkurrenten im Feld. Northug braucht dringend ganz vordere Platzierungen. Doch gerade ganz vorne bedeutet jeder Platz nach unten deutlich weniger Punkte. Ein Gedankenspiel: Schnappt Cologna Northug beispielsweise einen Sieg (100 Punkte) weg, ist das quasi ein „Verlust“ von 20 Punkten für diesen, wenn er nur Zweiter wird. Und angenommen, Sundby würde in einem solchen Rennen Fünfter und hätte durch Cologna – rein theoretisch betrachtet – einen Rang verloren, würde er nur fünf Punkte ein­büßen. Es könnte also für Sundby durchaus Sinn machen, dem Schweizer die Daumen zu drücken. Fest steht: Die ­Voraussetzungen sind günstig für den 29-jährigen Sundby – er sollte sie nutzen, wer weiß, ob die Gelegenheit so schnell ­wiederkommt …

Reicht Johaugs Vorsprung?

Wie bei den Herren zeichnet sich auch bei den Damen ein neuer Name in den Siegerlisten des Gesamtweltcups ab – erneut ein norwegischer. Therese Johaug liefert eine ganz starke Saison ab und hat ihren ersten Sieg fest im Visier. Allerdings zählte sie, anders als Sundby, schon im Vorfeld zu den Top-Favoritinnen. Seit 2011 steigerte sie sich kontinuierlich von Platz vier über drei auf Platz zwei im vergangenen Jahr. Trotzdem: Auch Johaug, die 25-jährige Weltcup-Führende, profitierte von den Ausfällen der Top-Frauen im Feld. Während sie bei der Tour de Ski allein mit dem Gesamtsieg 200 Punkte kassierte, ging die letztjährige Siegerin, Justyna Kowalczyk, leer aus. Die Weltcup-Titelverteidigerin sagte ihren Start komplett ab, offiziell aus „gesundheitlichen Gründen“. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass der Polin das kurzfristig geänderte Streckenprogramm (eine Klassik-Verfolgung wurde durch einen Freistil-Sprint ersetzt) nicht schmeckte, weil sie sich als Klassik-Spezialistin im Nachteil sah. Zudem dürfte sie auch daran gedacht haben, bei der Gelegenheit lieber ein paar Kräfte für Sotschi zu sparen. Kowalczyk konnte immerhin beim 10-Kilometer-Wettbewerb am 19. Januar in Szklarska Poreba (Polen) kräftig aufholen, als die Skandinavierinnen wegen ihrer nationalen Meisterschaften nicht am Start waren. Dennoch ist ihr Rückstand äußerst groß. Und ihre Schwäche im Freistil-Sprint bei zwei noch angesetzten Rennen in dieser Disziplin machen eine Aufholjagd schon zu ­einer fast unmöglichen Sache. Andererseits: Fünf Siege bei zehn Rennen, die ­Kowalczyk bestritten hat, ­zeigen: Die ­vierfache Gesamtsiegerin sollte man ­niemals abschreiben.

Auch Marit Bjoergen verlor bei der Tour de Ski viel Boden. Denn nach ihrem Sieg im Drei-Kilometer-Prolog stieg sie wegen einer Erkältung aus. Ein Glück für Johaug, muss man wohl sagen, denn Bjoergen dominierte die Weltcup-Rennen in Cortina in einer geradezu beängstigenden Weise, lief im Klassik-Rennen mit deutlichem Vorsprung ein und gewann auch noch den Sprint. Für Johaug kann die Devise deshalb eigentlich nur lauten: den noch recht großen Vorsprung irgendwie ins Ziel retten. Ihre fehlenden Qualitäten im Sprint könnten da zu einem Problem werden. Dass der Weltcup (auch) bei den Damen diese Saison zu einer norwegischen Meis­terschaft – mit polnischer Beteiligung – mutiert, zeigen die weiteren Namen im vorderen Feld. Astrid Uhrenholdt Jacobsen komplettiert den norwegischen Dreikampf an der Spitze. Jacobsen knüpft diese Saison da an, wo sie 2008 aufgehört hatte, als sie den zweiten Platz in der Saisonabrechnung belegte. Aber: Gegen die überragende Bjoergen und die punktemäßig schon enteilte Johaug ist die 27-Jährige eher Außenseiterin. Für Jacobsen zählt eher die Verteidigung des Podestplatzes, den ihr Kowalczyk streitig machen will – und Heidi Weng. Der Jungstar legt einen famosen Weltcup hin, wartet aber weiterhin auf den ersten Einzel-Sieg. Ein Platz unter den Top 5 wäre ein Erfolg für sie – und der ist machbar, denn gegenüber der DSV-Läuferin ­Denise Herrmann ist sie wohl die bessere Allrounderin. Zudem steht für die Deutsche eindeutig der ­Gewinn des Sprint-Weltcups im Fokus. Da allerdings dürfen sich die deutschen Fans berechtigte Hoffnungen ­machen …

Deutsche Sprint-Asse

Nur bei einem ihrer sieben Saisonstarts im Sprint schaffte es Herrmann nicht aufs Podium. Und was die Aussichten auf den Disziplin-Triumph so besonders gut machen: Bjoergen, vermutlich die einzige Konkurrentin, die die 24-Jährige aus dem sächsischen Bad Schlema – wenn die Norwegerin Ernst macht – nicht schlagen kann, hinkt punkte­­mäßig schon weit hinterher. Die US-Amerikanerin Kikkan Randall konn­te sie dagegen bei ihrem starken Rennen in Toblach regelrecht abhängen. „Ich bin am Start nicht so gut weggekommen. Aber ich bin ruhig geblieben, und das ist ganz gut ­aufgegangen“, sagte Herrmann, die den ersten deutschen Sprint-Sieg seit Evi ­Sachenbacher-Stehle im Dezember 2001 nur knapp verpasst hatte. Auch Josef Wenzl gelang es, ohne ­Saisonsieg an die Spitze der Sprint­wertung zu stürmen. Der Zollwacht­meis­ter aus Zwiesel schaffte es in Szklarska Poreba am 18. Januar ­erstmals seit drei Jahren wieder unter die ersten drei: „Es ist toll, wieder auf dem Podium zu ­stehen“, strahlte er nach seinem zweiten Platz. Wenzl steht allerdings ein harter Vierkampf ins Haus, denn Federico ­Pellegrino, Eirik Brandsdal und Ola Vigen Hattestad sind ihm ganz dicht auf den Fersen.

Dennoch: Der erste deutsche Sprint-Weltcup-Sieg in der Geschichte dieser Wertung ist möglich. Es wäre zudem zum ersten Mal seit Tobias Angerers Gesamt-Triumph 2007, dass wieder ein Deutscher oder eine Deutsche ganz oben auf dem Podest stünde. Im Gesamtweltcup sind wir zurzeit weit davon entfernt – doch im Sprint ist die Chance da. Und die sollten ­unsere DSV-Athleten unbedingt nutzen.

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Schnell unterwegs: Denise Herrmann ist Deutschlands Top-Sprinterin.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

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