Treibjagden

Die Meute hat die Fährte über den Sommer sicher nicht verloren, bald steht auch der Boden zur Treibjagd ­bereit.

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Gejagt werden die beiden Allrounder, die beiden, die alles können, auch wenn sie nicht immer gewinnen – Justyna Kowalczyk und Petter Northug gegen alle.

Text Timo Dillenberger

In diesem Winter gibt es jede Menge Trophäen zu ergattern, jede Menge Anerkennung zu gewinnen und natürlich auch Geld. Der Weltcup ist vollgepackt mit „Sonderevents“. Mal ganz abgesehen vom heiß umkämpften Februar in Sotschi warten bis zu 29 Einzelrennen auf die­jenigen, die auf der Jagd sind nach dem ­Titel des besten Alleskönners, dem Weltcup-Gesamtsieger. Doch was sonst die Krönung für jeden Langläufer wäre, mutiert in Wintern mit Olympischen Spielen ein wenig zur Pflichtveranstaltung, für manch einen sogar zum vorolympischen Trainingswettkampf. Und als wäre es nicht schon ein taktischer Balance-Akt, sich für Sotschi vorzubereiten und gleichzeitig einen souveränen Weltcup zu ­laufen, müssen die Athleten mit Siegambitionen zusätzlich die Tour de Ski, das Nordic Opening und das Saisonfinale im Auge behalten. Hier gibt es mehr Weltcup-Punkte, also auch mehr zu gewinnen und mehr zu verlieren. Was sich nach einer wahren Tortur für die Sportler anhört, ist aber gleichzeitig auch eine Chance für ­einige von ihnen und auch für die Langlauf-Fans. Dass man nämlich nicht den kompletten Winter über jedes einzelne Rennen voll gehen kann, konnte zumindest Weltcupsieger Petter Northug vor zwei Jahren am eigenen Leib „erfahren“. Nach zwei Monaten im roten Drehzahl­bereich versagte am Saisonende sein Körper, und der Weltcup war verloren. Das bedeutet nicht nur für den mittlerweile etwas vorsichtigeren Northug, dass man sich seine Schlachtfelder aussuchen muss, sprich: Der kluge Sportler konzentriert sich auf ein Ziel, anstatt allen Wettbewerben nachzujagen. Da die Olympischen Spiele das größte Prestige versprechen, wird der Großteil der Favoriten die Formkurve daraufhin ausrichten. Für die zweite Reihe, und die fing unter der Herrschaft von Petter dem Großen und Justyna der noch Größeren schon bei Platz zwei im Weltcup an, oder die Sprint- bzw. Ausdauerspezialisten bedeutet das eine echte Chance im Gesamtweltcup.

Karten neu gemischt

Und für die Fans heißt das, es könnte zu völlig neuen Situationen und Machtverhältnissen kommen. Vielleicht degradieren sich die zuletzt unglaublich starken Norweger selbst am Saisonanfang zu ­Statisten. Traditionell sind sie sehr auf Groß­events fixiert und verstehen es, sich sehr gezielt vorzubereiten. Selbst ein vor Power und Selbstvertrauen strotzender Petter Northug könnte sich entschließen, erst ab dem Weltcup (WC) in Oberhof volles Tempo zu gehen, wobei das zum einen nach Insider-Infos sein Sportler-Ego nicht mitmacht, zum anderen nach der Demonstration von Überlegenheit im ­letzten Winter vielleicht trotzdem aus­reicht, um gleich vorne mitzulaufen. Aber wer könnte zumindest im Vorfeld von Tour de Ski und Sotschi die Rolle des „Störenfrieds“ ­übernehmen?

Wer jagt Northug?

Unwahrscheinlich, dass sich die Dauer-Jäger wie Cologna, der Norweger Krogh oder die Russen Legkov oder Chernousov schon auf die ersten Rennen hin in Top-Form bringen. Auch sie brennen auf Olympia-Gold und müssen ihre Vorbereitung sowie die Saisonplanung darauf einstellen. Je länger die bevorzugte Wettkampfdistanz, desto stärker muss der Sportler sich auf einen oder zwei Höhepunkte konzentrieren. Laut DSV-Trainerstab ist im Gegensatz zum Biathlon zum Beispiel bei den Langläufern auch weniger mit einem Phönix aus der Asche zu rechnen. Junge Talente sind zwar da, aber man traut ihnen eher einen Überraschungserfolg auf den Sprint-Strecken zu. Gesucht wird also ein etablierter Fahrertyp mit Schwerpunkt auf der Kurzstrecke, der aber auch im Einzel nicht zu weit von den Distanz-Spezialisten weg ist und der sich nicht primär auf die Saisonmitte vorbereitet. Emil Jönsson wäre so einer. Auch denkbar: Einer der „alten Haudegen“ wie Lukas Bauer oder die Deutschen ­Angerer, Teichmann und Filbrich pokert und startet topfit in die Saison. Durch die Extrapunkte vom „Opening“ und der „Tour de Ski“ (siehe Kasten Seite 21) könnte der Punktevorsprung Ende Januar schon groß genug sein, um mit dem psychologischen Rückenwind der Führung chancenreich in die nacholympische Saison zu starten. Das wäre, wenn auch kein Olympiasieg, so doch ein schöner Endpunkt von jeder einzelnen dieser Karrieren. Was Olympia angeht, hat die Fachwelt keinen Zweifel, dass wir sozusagen die Essenz der letzten Saison erleben werden. Sollte Northug nicht über Nacht bzw. den Sommer Kraft, Ausdauer und sein Ego verloren haben, wird er der Gejagte auf allen Strecken sein, und bis auf vielleicht einen Ausrutscher werden Cologna, Legkov, Poltoranin und Krjukov wieder nur ­zusehen können, welche Ziel­einlauf-Choreografie er sich wieder ausgedacht hat. Man darf diesbezüglich auch gespannt sein, wer für welche Strecken meldet. Da es außer vielleicht beim Skiathlon keine Kombiwertungen gibt, zählt das breite Leistungsspektrum der Besten im Gesamtweltcup der Damen und Herren nicht so sehr. Gekämpft wird in den Einzeldisziplinen, und hier muss jeder im Einzelfall wissen, im welcher Teildisziplin er Kräfte lassen und in welcher er lieber ein paar Körner sparen will. Sollten Northug und Justyna Kowalczyk tatsächlich entsprechend ihrer Fähigkeiten in Kurz- und Langstrecken melden, kommt ähnlich wie im Radsport sogar so etwas wie Teamtaktik ins Spiel. Selbst wenn sie erst mal nicht zu schlagen sind, können die Gegner das Rennen so schwer machen, dass ein Teamkollege im nächsten Rennen einen bereits angeschlagenen Gegner vor sich hat. Das entspräche dann wirklich dem Bild vom gehetzten Wild, irgendwann muss es müde werden.

Ganz Skandinavien im Schatten einer Polin

Bei den Damen ging und geht es an der Spitze vielleicht bescheidener zu, dennoch fährt Justyna Kowalczyk wohl wieder vorne weg. Zu dominant und, wie Northug, zweigleisig dominierte sie das letzte Jahr. Platz eins und zwei in den beiden Einzeldis­ziplinen Kurz- und Langstrecke, das macht relativ unangreifbar, selbst wenn’s in der einen Schiene mal nicht so läuft. Und von ernsthaften Verletzungen und Krankheiten in der bisherigen Vorbereitung war auch nichts zu vernehmen. Legt man die gleichen ­trainingstaktischen Ansätze zu Grunde wie bei den Herren, wäre es zum Beispiel an der jungen Therese Johaug, die olympischen Ziele etwas zurückzustellen und einen überraschenden Coup im Weltcup zu landen. Zweite war sie bereits im letzten Winter, ­jedoch über 500 Punkte, das entspricht etwa 30 Prozent ihrer gesammelten Punkte, hinter der Polin. Auch eine Marit Björgen mit ihren disziplinübergreifend guten Fähigkeiten oder die ­erfahrene Rückkehrerin Claudia Nystad könnten, was den ­Saisonaufbau angeht, pokern. Ob die schnelle Amerikanerin ­Kakkan Randall sich durch eine bewusste Konzentration auf den Saisonanfang den Gesamtweltcup quasi ersprinten könnte, die Frage stellt sich wohl nicht. Die beste Sprinterin der letzten ­Saison wird gut daran tun, ihre Stärken bis Sotschi auszubauen und ihre wohl letzte Chance auf olympisches Edelmetall zu nutzen. Die Chancen stehen sehr gut.

Ausblick

Bei aller Analyse und Taktik: Sportler sind Sportler, und wenn Olympia ruft, dann fällt es den meisten doch schwer, sich diesem Nimbus zu entziehen. Und wenn es tausend Mal cleverer wäre, sich auf den Weltcup zu konzentrieren oder ­vielleicht „nur“ auf die Tour de Ski, ­wünschen wir uns doch am liebsten alle Athleten in Top-Form am Start in Sotschi. Nach der Ein-Mann- und Ein-Frau-Show der letzten Rennen 2012/13 wäre es aber sehr reizvoll, wenn – durch welche Umstände auch immer – eine Machtverschiebung im Jagdverbund der Langläufer stattfinden würde. Die Meute muss die Beute ja gar nicht zwangsläufig zu fassen kriegen, nur näher ranrutschen, auf dass der Knaller-Winter das erfüllt, was das Programm verheißt.

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Trotz knallhartem Programm: Marit Bjoergen kann noch lachen.

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