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Ein Stockbruch und andere Kleinigkeiten

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Wer fuhr beim WM-Staffelrennen 1982 als Erster über die Ziellinie: Norwegens Schlussläufer Oddvar Bra (l.) oder der Sowjetrusse Alexander Sawjalow?
© Youtube (Screenshot)

Beim WM-Staffelrennen 1982 am Holmenkollen in Oslo wurde Oddvar Bra zum Helden der Skilanglauf-Nation Norwegen, sein Stockbruch zu einem Mythos. Doch wenn man sich die Ereignisse genau anschaut, ist manches nicht so, wie es zunächst scheint …

Text: Wilfried Spürck

WELCHE Geschichte wollen wir erzählen? Die von einem Skilanglauf-Staffelrennen, bei dem kurioserweise sowohl Gold als auch Bronze an je zwei Mannschaften verliehen wurden? Oder die des Helden Oddvar Bra, der trotz eines Stockbruchs kurz vor dem Ziel noch WM-Gold für Norwegen holte? Oder die von der Karriere-Krönung des Oddvar Bra, der nach vielen Enttäuschungen 1982 in Oslo als 30-Jähriger endlich triumphierte – und nach dem Sieg über 15 Kilometer nun auch mit der Staffel Weltmeister wurde? Oder erzählen wir das Ganze als die Achterbahnfahrt der norwegischen Staffel, die trotz eines Sturzes des dritten Läufers Pål Gunnar Mikkelsplass und des Stockbruches von Bra Gold gewann? Wir könnten aber auch den „bösen“ Sowjetrussen Alexander Sawjalow ins Zentrum rücken, der Bra auf den Stock stieg, um sich einen Vorteil gegenüber seinem norwegischen Kontrahenten zu verschaffen. Oder die Geschichte des Helden Sawjalow erzählen, der nach Kollision mit Bra stürzte und trotzdem in einem dramatischen Finish noch Gold für die Sowjetunion gewann.

Wer von jenem verrückten WM-Staffelrennen am 25. Februar 1982 am Holmenkollen in Oslo erzählen will, dem bietet sich eine geradezu verwirrende Fülle möglicher Ansätze. Am nachhaltigsten ist der Stockbruch in Erinnerung geblieben, als Ankerpunkt eines Heldenmythos der Skilanglauf-verrückten Nation Norwegen. „Wo warst du, als Oddvar Bra der Stock brach?“ ist dort zum geflügelten Wort geworden, das vorwurfsvoll an jemanden gerichtet wird, der in einer kritischen Situation nicht unterstützend zur Stelle war. Acht Jahre nach dem Rennen, 1990, begann die norwegische Tageszeitung „Dagbladet“ mit einer Serie, in der sie jeden Montag einen Leser-Beitrag zu jener Frage veröffentlichte. Es erwies sich als ein Renner, Hunderte Leser nahmen teil, Stoff für Jahre. Die Anteilnahme an Bras Stockbruch verbindet die Nation.

Stock bricht, Russe fällt

Ziehen wir die Geschichte vom Stockbruch her auf, stellen sich einige Fragen: Was geschah genau? Wie kam es zu dem Vorfall? Welche unmittelbaren Folgen hatte er? Auf Youtube-Videos sind die Details der Kollision selbst nur schwer zu erkennen. Zu sehen ist, dass Bra auf dem letzten Anstieg den Sowjetrussen attackiert. Als Bra vorbeizuziehen scheint, kommt Sawjalow zu Fall, andererseits bricht bei Bra der Stock der linken Hand. Der Norweger läuft weiter, gibt einem Betreuer den zerbrochenen Stock, nach insgesamt 15 Sekunden reicht ihm jemand – ein Langlauf-Fan aus dem Publikum – einen neuen. Inzwischen ist der Kontrahent, der sich schnell wieder aufgerappelt hat, wieder bei ihm, doch Bra hängt den Russen erneut ab. Dieser gibt auf der Zielgeraden in der linken Spur alles und holt Bra wieder ein – der Norweger fällt quasi ins Ziel, mit einer Art Ausfallschritt nach links Richtung Sawjalow, der in paralleler Skistellung über die Linie rutscht und die Arme hochreißt. Viele Jahre später behauptet er, ein Foto zeige ihn um eine „halbe Schuhlänge“ vorne. Die Jury sah es anders und erkannte damals nach einstündiger Beratung beiden die Goldmedaillle zu.

Mehr als zwei Minuten später lieferten sich die Schlussläufer der DDR und Finnlands ein genauso enges Finish um Bronze, das die Skandinavier haarscharf gewannen. So entschied die FIS zunächst. Doch die DDR-Teamführung protestierte – mit Erfolg: Einige Wochen später wurde auch die DDR-Staffel mit Bronze ausgezeichnet.

Zwischen Bra und Sawjalow haben die Geschehnisse des 25. Februar 1982 eine freundschaftliche Verbindung begründet. „Keiner von uns macht dem andren einen Vorwurf“, sagt der Norweger. Dennoch hat jeder seine eigene Sichtweise auf den Crash. Bra erklärt, Sawjalow sei, als er näher gekommen sei, permanent leicht nach links gedriftet, um ihn zu blockieren. Denn sein Gegner habe gewusst, dass Bra an diesem Hügel seine letzte Chance habe. Sawjalow behauptete vor wenigen Jahren, tatsächlich sei ER dabei gewesen, Bra zu überholen. „Er hat mich nicht vorbeigelassen, so sind wir zusammengestoßen, und sein Stock geriet zwischen meine Beine.“ Den allgemein verbreiteten Eindruck, Bra sei der Überholende, erklärt Sawjalow mit einer „optischen Täuschung“ – eine Meinung, die er wohl exklusiv hat.

Verzerrte Erinnerungen

Verblüffend wie die Sichtweise von Sawjalow ist auch, wie die Norweger den Rennverlauf abgespeichert zu haben scheinen. Bra habe auf der Zielgeraden Sawjalow verfolgt und den Sprint gewonnen, glauben viele von ihnen, wie eine kleine Befragung ergab. Beides stimmt nicht. Auch der Sturz des Russen ist vielen nicht mehr bewusst. Es bleibt also etwas Rätselhaftes um die Nachgeschichte des Rennens.

Ein Teil einer Erklärung mag sein, dass sich kaum einer so zum nationalen Helden eignete wie Bra. Der im März 1951 Geborene war ein Riesentalent, das bis 1982 bei Großereignissen den ganz großen Erfolg nicht schaffte. Insgesamt vier Mal Silber und zwei Mal Bronze mit der Staffel war seine Ausbeute bei Olympia und WM bis dahin. Mit kaum einem ihrer Athleten litten die Norweger so mit wie mit diesem bescheidenen, einfachen Mann. Der Moment, als Bras Stock brach, scheint traumatisch gewesen sein. Bra hatte den Rückstand, den ihm Teamkollege Mikkelsplass wegen eines Sturzes auf der dritten Runde mitgegeben hatte, aufgeholt. Sollte ihm trotzdem die Karriere-Krönung Staffelgold nicht vergönnt sein? Dass ein Sowjetrusse in Zeiten des Kalten Krieges die perfekte Besetzung der Bösewicht-Rolle war, verlieh dem Ganzen womöglich eine zusätzliche Dramatik. Dass Bra trotz der Widrigkeiten, wie die Norweger sie wahrnahmen, Gold holte, machte ihn für sie zum perfekten Helden. Der bekommt bei seinen Landsleuten bis heute große Aufmerksamkeit wegen der Ereignisse von 1982: „Ich werde oft angesprochen, und die Leute wollen mir erzählen, wo sie waren, als mein Stock brach“, weiß er zu berichten. Seine gesamte sonstige Karriere, die er 1989 beendete, verschwindet hinter der „Sache mit dem Stock“. Bis heute ist Bra übrigens davon überzeugt, dass er ohne diesen Zwischenfall das Rennen gewonnen hätte.

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Oddvar Bra bei den Olympischen Spielen in Sapporo im Jahr 1972. Der Norweger war damals gerade mal 21 Jahre jung.
© imago/WEREK

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