Skisprung-Legende Toni Nieminen: Ein Wunderknabe flog allen davon, stürzte ab und kam wieder

Mit 16 Jahren gewann der Finne Toni Nieminen bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville Gold von der Normalschanze und im Mannschaftswettbewerb.

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„An einen Rekord dachte ich überhaupt nicht“, ­erzählte Nieminen kurz vor seinem Gold-Sprung.

Als jüngster Springer entschied er 1991/92 die Gesamtwertung der Vierschanzentournee für sich. Doch das Supertalent aus Lahti stürzte mental ab. Er kämpfte sich noch einmal an die Weltspitze heran und sprang als Erster über 200 Meter von der Normalschanze.

Text Uli Wittmann

Weiter warten! Dachten sich die ­Skispringer, Trainer, Zuschauer, ­Reporter und Experten am 17. März 1994 in Planica. Die Antwort auf die Frage, welcher Skispringer als Erster die magische 200-Meter-Marke von der Normalschanze würde knacken können, schien sich vertagt zu haben. Andreas Goldberger segelte an diesem Tag 202 Meter weit, landete und geriet wenige Meter später in Rücklage. Um einen Sturz zu verhindern, griff der Österreicher mit beiden Händen in den Schnee. Nach dem Reglement ein ungültiger Versuch. „Es tut mir leid, dass ich ihn nicht gestanden habe“, erklärte der 21-Jährige später vor laufenden Fernsehkameras. „Aber ich war der Erste, der über 200 Meter gesprungen ist. Ich war ein wenig zu weit rechts und plötzlich in einem Loch drinnen. Es ging alles sehr schnell, und ich dachte mir, der geht gar nicht so weit.“ Die Wetterverhältnisse sind an diesem Tag in der slowenischen Springerhochburg alles andere als optimal. Toni Nieminen erinnert sich: „Es war windig und sehr warm, eigentlich zu warm. Im Aufzug zur Schanze hinauf sah ich Andreas Goldberger. Von seinem Missgeschick bei dem Rekordsprung hatte ich schon gehört. Er tat mir leid, doch auf mich wirkte er trotzdem zufrieden und glücklich.“ Der 17. März 1994 sollte noch mehr Überraschungen bereithalten. An diesem Tag stellte der Österreicher Martin Höllwarth mit einem 196-Meter-Sprung den bisherigen Schanzenrekord aus dem Jahr 1987 ein.

Gerudert, aber gestanden!

„An einen Rekordsprung dachte ich überhaupt nicht“, erzählt Nieminen heute über den Moment, in dem er am Absprungbalken der „Letalnica bratov Gorisek“, der Skisprungschanze der Gebrüder Gorisek in Planica, saß. Der junge Finne steigt in die Spur, schiebt sich vom Balken weg und rast auf den Schanzentisch zu. Optimal ist er abgesprungen und fliegt im V-Stil auf die Zuschauer zu. Nur kleinere Korrekturen muss er in der Luft vornehmen. Plötzlich bemerkt das Publikum, dass dieser Sprung weit geht. Richtig weit.

„An den Sprung selbst kann ich mich nicht mehr erinnern. Es ging einfach zu schnell. Aber es ist ein großartiges Gefühl gewesen, als ich auf der Anzeigetafel sah, dass ich über 203 Meter weit gesprungen bin“, erinnert sich Nieminen. Bei der Landung hatte auch er zu kämpfen und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Im Gegensatz zu Goldberger steht er seinen Rekordsprung, reißt die Arme hoch und jubelt. Doch sein Schanzenrekord hatte nur einen Tag bestand, dann flog der Norweger Espen Bredesen 209 Meter weit und verbesserte damit auch den Welt­rekord von Nieminen um sechs Meter.

Kindheitsträume erfüllen sich

Für den Finnen bedeutete dieser Satz über 200 Meter viel mehr. In ­dieser Saison wollte er wieder den Anschluss an die Welt­spitze finden. In Lillehammer bei den Olympischen Spielen konnte Nieminen – weil er die Qualifikation nicht geschafft hatte – seine beiden Medaillen von Albertville nicht verteidigen. Das Wunderkind aus Lahti befand sich sportlich und privat in starken Turbulenzen. „Es ist eine sehr lange Geschichte zu erzählen, warum ich an meine Siege 1992 bei der Olympiade und im Gesamtweltcup nicht mehr anknüpfen konnte. Es waren vor allem zwei Dinge, die weitere größere Erfolge verhinderten: Mein Kopf – und der Druck von außen.“ Zu schnell verlief der Aufstieg des Wunderkindes aus Lahti. „Bei uns in Finnland ist Skispringen sehr populär. Die Stars aus vergangenen Zeiten kennt hier jedes Kind. Schon als kleiner Junge sah ich mir fasziniert Skispringen im Fernsehen an. Bereits damals träumte ich davon, mit den Skiern weit durch die Luft zu fliegen“, erzählt Nieminen. Einen weiteren Motivationsschub gab die Salpausselkä-Schanze in seiner Heimatstadt Lahti. Hier wuchs Nieminen bei seinen Eltern Marja-Liisa und Teuvo Nieminen als das Älteste von vier Kindern auf. Seine Familie war sportlich. Vater Teuvo bestritt Biathlonrennen, und als Achtjähriger durfte Toni Nieminen zum ersten Mal von einer Schanze springen. Er hatte ein ausgeprägtes Talent, seine Bewegungen zu koordinieren. Deshalb ging der spätere Olympia­sieger auch zum Turnen. Ernsthaft begann er 1987 mit dem Skispringen. Sein damaliger Trainer Jarkko Laine erkannte das Talent des zarten Burschen und förderte ihn entsprechend. Im Februar 1989 fand in Lahti die Nordische Ski-Weltmeis­terschaft statt. Mit am Start war Toni Nieminen, allerdings als Vorspringer. Doch der Nachwuchsathlet nutzte seine Chance und zeigte allen, über welch ein ausgeprägtes Fluggefühl er verfügte. Nun nahm seine Karriere Fahrt auf. Entsprechend gefördert, konnte er bald die ersten Erfolge einfahren. Seinen kometenhaften Aufstieg verdankte er dem V-Stil. In der finnischen Mannschaft war diese von dem Schweden Jan Boklöv erfundene Sprungweise alles andere als gut angesehen. Doch Nieminen erkannte das Potenzial dieser Art, durch die Lüfte zu fliegen. „Es ist 1991 im Sommer gewesen. Da probierte ich zum ersten Mal den V-Stil aus. Ich war überrascht, wie weit plötzlich meine Sprünge gingen.“ Bei seinem zweiten Weltcupspringen am 1. Dezember 1991 im kanadischen Thunderbay gewann er den Wettkampf auf der Normalschanze mit knapp 30 Punkten Vorsprung, vor seinem Mannschaftskollegen Ari Pekka ­Nikkola und dem sechs Jahre älteren Österreicher Stefan Horngacher. Am nächsten Tag bestätigte er seinen Sieg mit einem sechsten Platz von der Großschanze. „Ich war völlig unbekümmert. Außerdem machte mir Skispringen Spaß. Damals, in meiner ersten Weltcupsaison, lebte ich sehr intensiv meinen großen Traum“, so Nieminen. Den Gesamtweltcup 1991/92 gewann er überlegen. Keiner im Starterfeld kam so perfekt mit dem V-Stil zurecht wie er. Bei der Vierschanzentournee triumphierte der kleine Finne in Oberstdorf, Innsbruck und Bischofshofen. Er siegte in der Gesamtwertung vor den Österreichern Hörwarth und Rathmayr. Seine größten Siege errang der Springer aus Lahti bei den Olympischen Spielen in Albertville. Auf der Normal­schanze brach er in die Phalanx der Österreicher ein und holte Bronze. Sieben Tage später deklassierte er Höllwarth und Kuttin mit einem Vorsprung von zwölf bzw. 25 Punkten auf der Großschanze und gewann die Goldmedaille.

Absturz aus großer Höhe

Sponsorenverträge bekam der junge Mann genug, trat oft im Fernsehen auf. Dann entdeckte er die Liebe zum Autofahren und nahm es mit dem Training weniger genau. „Ich wollte einfach Spaß haben, wie jeder andere junge Mensch in meinem Alter. Wahrscheinlich war mein sportlicher Erfolg zu früh gekommen, und ich konnte nun dem Druck nicht mehr standhalten“ so Nieminen. Manche Trainer und Funktionäre befürchteten, das Ausnahmetalent würde so abrutschen wie Matti Nykänen. Es dauert bis zur Saison 1994/95, bis Nieminen die Freude am Skispringen wiederentdeckt. Doch die Weltspitze ist nahezu unerreichbar, denn in der Zwischenzeit haben die anderen Springer alle auf den V-Stil umgestellt. Nieminen schafft es jedoch, nach einer desaströsen Saison 1993/94, wieder den Anschluss zu finden. Noch einmal gelingt es ihm, beim Weltcup unter die ersten zehn zu springen. Am Ende seiner Karriere springt Nieminen im Kontinental-Cup bis auf wenige einstellige Platzierungen nur noch hinterher und beendet 2004 seine aktiven Laufbahn. Sein Rat an junge Sportler: „Der Leistungssport ist nicht alles im Leben. Habt Spaß und nehmt den Sport nicht immer allzu ernst. Nutzt die Wettkämpfe, um Erfahrungen zu sammeln. Diese helfen euch für das spätere Leben.“

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 01 / 2014

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