Thomas Alsgaard: Knapp, knapper, am knappsten

Hauchdünne Entscheidungen waren seine Spezialität.

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Medaillensammler: Das Staffel-Gold 2002 ist Alsgaards fünfter und letzter Olympiasieg.

Mit fünf Goldmedaillen ist Thomas Alsgaard einer der erfolgreichsten Langläufer der Olympiageschichte. Und noch heute ist sein Name aufgrund seiner Skating-Stilvariation ein Begriff für Anhänger des Skilanglaufs.

Text Uli Wittmann

Sie stehen fast. Die beiden Schlussläufer der führenden Staffeln, den Norweger Thomas Alsgaard und seinen italienischer Kontrahenten Christian Zorzi, trennt nur noch eine Kurve vom Ziel und damit von olympischem Gold. Dabei reden die beiden ­aufeinander ein. „Das war Taktik!“, erklärt Alsgaard später. „Wir wollten beide als Zweiter ins Stadion einlaufen und den Schluss-Sprint starten. Keiner von uns wollte an erster Stelle sein. Darüber haben wir gesprochen – ich auf Norwegisch, Zorzi auf Italienisch.“ Der Norweger trudelt los, fast schon unmotiviert. Zorzi folgt – mit derselben Körpersprache. Tempoverschärfung. Plötzlich stoßen die beiden Gegner zusammen, und Zorzi schiebt sich vor ­Alsgaard. Schließlich überholt der Norweger und baut den Vorsprung aus. „Ich habe in der Diskussion den Kürzeren gezogen, aber konnte den Sprint dann doch noch gewinnen“, schmunzelt Alsgaard und ­revanchiert sich 2002 in Salt Lake City für den zweiten Platz bei der Olympiade in ­Lillehammer 1994. Dort hatten die Italiener mit vier Zehntel Vorsprung gewonnen.

Spezialist für Herzschlagfinals

Im Verfolgungsrennen der Olympischen Spiele von Salt Lake City sind Alsgaard und Frode Estil zeitgleich dem für Spanien startenden Johann Mühlegg unterlegen. Beide Norweger mussten sich mit der Silbermedaille zufriedengeben. Vorerst, denn Mühlegg musste im Nachhinein wegen Dopings die Goldmedaille abgeben. „Der Augenblick, in dem man ein Rennen ­gewinnt, ist ein unvergleichliches Gefühl. Da sind so viele Emotionen dabei – Aufregung, Glück und das Wissen, dass man an diesem Tag der Beste war. An solche Momente denkt man immer wieder ­zurück“, sagt Alsgaard. „Die ­Medaille habe ich nachträglich bekommen – die Gefühle kann ­jedoch niemand ersetzen.“ Der Sieg mit der Staffel ist daher das große positive Gefühl, das die norwegische Langlauf-Legende mit Salt Lake City 2002 verbindet. „Wir haben nicht der Medaillen wegen dafür gekämpft, dass Mühleggs Name von den Ergebnis­listen gestrichen wurde. Das war es nicht! Wie wollten aber sicherstellen, dass ­Mühlegg nicht als Olympia-Sieger von Salt Lake City in die Geschichte eingeht.“

Sieg gegen den großen Daehlie

Bereits als Jugendlicher zeigte Alsgaard sein Talent und blieb von 1989 bis 1992 unbesiegt. Drei Titel hat er bei der ­Nordischen Junioren-Skiweltmeisterschaft 1991 in Reit im Winkl geholt. Ein Überraschungscoup ist ihm bei der Olympiade in Lillehammer gelungen: Er hat Bjoern ­Daehlie besiegt. „Ich hatte mir vorgenommen, über die 30 Kilometer unter die Top Sechs zu laufen. Aber dann Gold im eigenen Land, und das vor 100.000 Zuschauern – das war einfach unglaublich!“, freut sich Alsgaard noch heute. 1995 kam er bei der norwegischen Biathlon-Meisterschaft auf Rang fünf.

Bestes Rennen der Karriere

Bei der Olympiade 1998 in Nagano folgen dann zwei unvergessliche Siege. „Bei diesem Rennen war ich in einer unglaublichen Verfassung“, schildert Alsgaard das 15-Kilometer-Verfolgungsrennen. „Bjoern lag etwa 24 Sekunden vor mir, aber ­irgendwie habe ich gespürt, dass ich ihn einholen konnte. „Ich bin ­einfach hinter ihm geblieben und habe den Schluss-Sprint abgewartet. Ich ­wusste, dass ich den Sprint gewinnen konnte. ­Dieses Rennen war vielleicht wirklich das Beste in meiner Karriere – und die Staffel ein paar Tage später.“ Wieder einmal ­hatten sich die Norweger mit den ­Kontrahenten aus Italien aus­einandersetzen müssen. In Nagano war ­Alsgaard bereits Norwegens Schlussläufer, Silvio ­Fauner sein Rivale. Kurz vor dem Ziel lagen beide gleichauf und ver­renk­ten sich artis­tisch. Zwei Zehntel und ­damit 20 Zen­ti­meter Vorsprung ­holte Als­gaard noch auf den ­letzten ­Metern heraus. Eine legendäre Szene – bis heute unvergessen.

Trotz der starken Leistungen in Salt Lake City hatte Alsgaard aufgrund ständiger Rückenschmerzen immer ­weniger Power, und auch die Motivation wurde ­geringer. Daher erklärte der Medaillensammler im Jahr 2003 seinen Rücktritt. „Damals war ich bereits an einigen ­Projekten beteiligt. Zwei Jahre lang habe ich die norwegische Biathlon-Nationalmannschaft trainiert, zwei weitere Jahre die schwedische Langlauf-Nationalmannschaft. In den letzten zehn Jahren habe ich außerdem viel mit ­Mad­shus zusammengearbeitet und war ­aktiv an der Entwicklung praktisch aller neuen Produkte beteiligt. In den letzten Jahren habe ich mich wieder stärker aufs Langlaufen konzentriert. In meinem ­eigenen Langstrecken-Team ‚Team United ­Bakeries‘ sind wir acht Athleten“, berichtet Alsgaard und vermittelt einen zufriedenen und glücklichen Eindruck.

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