Yukon Arctic Ultra: „Ich bin alles: Erste, Zweite und Letzte!“

Der „Yukon Arctic Ultra“ in Nordkanada gilt wegen seiner Länge und Temperaturen bis -40° C als härtestes Ultrarennen der Welt.

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Nicole Dörr aus München belegte über die 300-Meilen-Strecke den zweiten Platz. Damit war sie die beste Frau – und trotzdem Letzte. Denn nur sie und der Schweizer Otmar Flepp erreichten nach 300 Meilen das Ziel. Alle anderen mussten aufgeben.

Text Till Gottbrath

Glenn gehört zu den Streckenposten des „Yukon Arctic Ultra“. Er und seine Kollegen patrouillieren mit ihren Skidoos über den Trail. Jetzt ist er in Carmacks, einem der Checkpoints. Carmacks müssen die Teilnehmer über die 300- und 430-Meilen-Strecke nach spätestens vier Tagen und zwölf Stunden erreicht haben. Schaffen sie das nicht rechtzeitig, werden sie aus dem Rennen genommen.

Für Nicole Dörr kein Problem. Sie liegt gut in der Zeit, und die Anstrengungen scheinen ihr nichts auszumachen. Glenn grinst sie an. „Na, hast du Halluzinationen?“ Nicole ist ein wenig irritiert. Diese Frage hat sie nicht erwartet. „Ja, ich hatte tatsächlich welche. Einmal sah ich Leute in der Ferne. Es sah aus, als würden sie zusammenstehen und grillen. Sie beweg­ten sich auch. Aber als ich näher kam, ­waren es nur ein paar verschneite Nadelbäume.“ Glenn lacht und erinnert sich: „Ach, das ist ja noch nicht so schlimm. Ein Athlet hat mal eine Frau gesehen. Sie ging neben ihm und hat sogar seine Hand ­gehalten. Und ein anderer meinte, dass ihn die Äste von den Bäumen angreifen. Mit seinen Skistöcken hat er sie abgewehrt. Nur, da gab es gar keine Bäume.“

Wo bleibt nur der Schlaf?

Nicole Dörr ist eine erfahrene Trail-Läuferin. Viermal schon finishte sie beim Transalpine Run, und sie nahm an mehreren sogenannten „Hundertern“ teil. Außerdem verfügt sie über solide Outdoor-Erfahrung mit langen Treks (auch im Hochgebirge) und Wintertouren in Grönland oder Nord­skandinavien. Umgang mit Kälte und Entbehrungen, Zelten, Kochen, die Fähigkeit, in den eigenen Körper hineinzuhören und sich die Kraft über lange Zeit einzuteilen – all das kennt sie und kann sie. Aber der Schlafmangel stellt für sie die größte ­Herausforderung dar. Wenn sie am Ende nach gut 175 Stunden – sieben Tage und sieben Stunden – in Pelly Crossing das Ziel der 300-Meilen-Strecke erreicht, wird sie pro Tag netto gerade mal vier Stunden ­geschlafen haben. Daneben sind es die schiere Streckenlänge und die eisigen Temperaturen, die den YAU so anspruchsvoll machen. Die Zeit läuft nonstop, es gibt die Zeit-Limits für die Checkpoints, und nicht zuletzt muss jeder Athlet unterwegs seine komplette Ausrüstung mitnehmen. Nicole zieht bis zu 25 kg in einem Pulka hinter sich her, einem wannenförmigen Zugschlitten. Zur Pflichtausrüstung gehören ein dicker Schlafsack, Zelt oder Biwaksack, Kocher, Ersatzbekleidung, Kompass, Proviant für mindestens 48 Stunden, eine kleine Säge, ein GPS-Gerät sowie ein „Spot“. Im Spot ist ebenfalls ein kleiner GPS-Empfänger eingebaut, zusätzlich aber auch ein Sender, der alle zehn Minuten via Satellit die Position des Athleten sendet. Der Veranstalter weiß so jederzeit, wer sich wo befindet. Und die Familien und Freunde der Sportler können sich in der Heimat mit der dicken Daunenjacke vor den PC setzen und sich beim Live Tracking ausmalen, wie es in der eisigen Einsamkeit Nordkanadas wohl zugehen mag.

Im Renntagebuch schreibt Race Director Robert Pollhammer am 7. Februar: Von unserer Powerfrau Nicole Dörr bin ich schwer beeindruckt. Unser Fotograf ist schon am Verzweifeln, weil sie immer lacht. Keine Spur von „Leiden“. Das gilt keineswegs für alle Teilnehmer. Kleine Nachlässigkeiten haben bei Extremtouren manchmal eine fatale Wirkung. Eine Blase am Fuß, die gerade erst entsteht, will sofort behandelt werden. Auch wenn es nicht eben gemütlich ist, sich bei -20° C auf den Pulka zu setzen und am Blasen­pflas­ter ­herumzuporkeln … Feuchte Socken müssen sofort gegen trockene ausgetauscht werden, wenn die Temperaturen in den Keller fallen. Sonst drohen Erfrierungen.

2013 kämpfen die Teilnehmer immer ­wieder mit „hohen“ Temperaturen, anfangs gar über dem Gefrierpunkt. Das sorgt nicht nur für Blasen und feuchte Socken, sondern auch für weiche Schneeverhältnisse. Das Gehen ist dann sehr anstrengend, Langlaufen bzw. Biken fast unmöglich. Über die 300 Meilen werden von 18 Startern schließlich nur zwei das Ziel erreichen, darunter auch Nicole. Über die 430 Meilen steigen dagegen nur 15 der 29 Starter aus. Nicole erklärt später: „Ich glaube, die 430er sind besser vorbereitet, haben mehr Erfahrung im Umgang mit Kälte und ­können sich offensichtlich ihre Kräfte über eine so lange Strecke besser einteilen. Die weniger erfahrenen Leute – so wie ich – ver­suchen erst mal die 300 Meilen.“

Die Mischung stimmt

Nicole Dörr bringt nicht nur die richtigen Voraussetzungen mit, auch ihre Vorbereitung passt. Diese ­bestand aus einer Ausdauersport-Mischung mit vielen langen Lauf­einheiten. Nicole Dörr lief oft zur Arbeit, von daheim im Priental über den Berg ins Inntal, wo sie bei der deutschen Niederlassung der schwedi­schen Sportbekleidungsfirma Craft im Einkauf arbeitet. Sie unternahm ausgedehnte Bergtouren, ging mit dem Holzschlitten ­20 km zum Einkaufen, zog ihren Sport­rodel ­hinauf auf Berghütten, um wieder ins Tal zu sausen, ging Langlaufen und machte Schneeschuhtouren. Vor allem: Sie konnte viel im Schnee trainieren – ein nicht zu ­unterschätzender Faktor. Ihre Musku­latur weiß, wie es ist, immer ein wenig wegzurutschen. Als noch kein Schnee lag, zog sie einen alten Traktorreifen durchs Gelände, um sich an das Ziehen zu gewöhnen. Meis­tens tat sie das im Dunkeln, weil es ihr ­etwas peinlich war und sie sich blöde ­Fragen ersparen wollte … Vor allem ging sie bei jedem Wetter raus, um sich auch an richtig schlechtes Wetter zu gewöhnen. Denn auch der Kopf spielt beim Rennen eine nicht zu unterschätzende Rolle …

Vor allem gewöhnte sie sich beim nächtlichen Traktorreifenziehen auch an die Dunkelheit. Denn die Nächte sind hart. Es gibt Teilnehmer, die regelrecht Angst ­haben. Nicole empfindet es einfach nur als psychisch anstrengend, nicht sehen zu können, dass es vorangeht. „Der Blick auf das GPS motiviert da unheimlich! Nein, ich trete nicht wie ein Hamster im Rad auf der Stelle. Ich bewege mich vorwärts.“ Aber die Nacht kann auch wunderschön sein. Am Himmel wabert in wilden Farben das Polarlicht. Es ist windstill und nicht zu kalt. Nicole hört nur ihre Schritte, ihren Atem, den Stockeinsatz und das leise Knirschen des Pulkas im Schnee. Gebannt schaut sie in den Himmel. In diesem Augenblick ist sie nicht mehr die Teilnehmerin an einem Ultrarennen. Sie verschmilzt mit der Natur und denkt dabei an die Bücher von Jack London. Sie hört ihren persönlichen „Ruf der Wildnis“. Die letzte Etappe über die 300 Meilen führt eigentlich über den zugefrorenen Pelly River. Aber es gibt mehr als nur ein paar Overflows, jene Stellen, an ­denen Risse im Eis entstehen, aus denen Wasser quillt, das für nasse Füße sorgen kann. Die Eisverhältnisse sind so schlecht, dass man einbrechen kann. Aus Sicherheitsgründen verlegt Organisator Pollhammer die Route auf die Fahrstraße. Nicole sieht es gelassen. Sie weiß, dass sie es schaffen wird. Und ihr einziges Ziel hieß sowieso nur Ankommen.

Sie schläft in Pelly Farm erstmals aus und macht sich auf die letzte Etappe über 32 Meilen. Kurz vor dem Ziel, es beginnt gerade zu dämmern, kommt ihr plötzlich jemand entgegen. Es ist Marianne ­Heading. „Was machst du denn hier?“, fragt Nicole überrascht. „Ich will dich die letzten Kilometer ins Ziel begleiten“, antwortet die Engländerin. „Wer, wenn nicht ich, wäre dafür die Richtige?“

Miteinander statt Wettkampf

Damit hat sie zweifelsohne Recht. Sie ­erreichte 2011 als dritte Frau überhaupt das Ziel über die 300 Meilen. Dieses Jahr ging sie über die 430 Meilen an den Start, musste aber aufgeben. Wie so viele „Aussteiger“ wechselte auch Marianne die ­Seiten und half als Volunteer. Diese ­Haltung prägt das Verhältnis unter den Athleten. Keiner läuft gegen den anderen. Stattdessen wünscht jeder jedem vor­behaltlos, dass er es schaffen möge.

Der Zieleinlauf ist für Nicole still. Ganz still. Keine dröhnenden Lautsprecher, keine­ Zuschauer. Sie sind zu fünft: Nicole, ­Marianne, Sue (eine der Rennärztinnen), Philippa (Teilnehmerin über die 100 Meilen, jetzt ebenfalls Volunteer) sowie Renndirektor Robert Pollhammer. Er gratuliert Nicole, drückt sie nicht, weil er an einer Virusgrippe leidet, und überreicht ihr die Finisher-Medaille. Nicole hätte auch kein großes Tamtam gewollt. Es würde nicht zum YAU passen. Marianne holt noch schnell eine Tiefkühlpizza und schiebt sie für Nicole in den Ofen. Zielverpflegung.

Voll des stillen Glücks ruft die Chiem­gauerin zu Hause an, um sich zurückzu­melden: „Mir geht es wunderbar. Ich hatte überhaupt keine Probleme, meine Füße ­sehen aus wie geleckt. Ich bin alles: Erste, Zweite und Letzte.“ Erste, weil erste und einzige Frau im Ziel. Zweite, weil sie nach dem Schweizer Otmar Flepp das Ziel ­erreichte. Und Letzte, weil über diese ­Strecke nur diese beiden Athleten ankamen. Obwohl Nicole die Anstrengungen noch in den Knochen stecken, sagt sie schon:

„Es ist so toll und wunderschön. In zwei Jahren gehe ich über die 430 Meilen an den Start. Aber jetzt will ich erst mal richtig viel essen und lange ausschlafen!“

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Gruppenlauf: Gleich nach dem Start sind die Athleten noch nahe beieinander.

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