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Voller Schub voraus

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Schwung holen und ab die Post! Ganz so einfach ist es nicht immer mit dem Doppelstockschub. Je nach Situation in der Loipe oder im Rennen sind die technischen Anforderungen recht komplex.
© Michael Mayer

In vielen Bereichen ist der Doppelstockschub heute die wichtigste Technik im Skilanglauf. Unser Experte Uwe Spörl zeigt die ganze Bandbreite seiner Ausprägungen und worauf es bei der Ausführung der verschiedenen Varianten im Detail ankommt.

Text: Uwe Spörl

Revolution! Keine Sorge, wir werden jetzt hier nicht politisch. Aber die Veränderung des Skilanglaufs durch die radikale und rasante Entwicklung des Doppelstockschubs in den letzten fünf bis zehn Jahren verdient diesen Begriff an dieser Stelle einmal. Diese Bewegungsform auf dem Ski ist an sich sicher schon so alt wie die klassische Technik selbst, aber im Hochleistungssport des Weltcups oder der Worldloppet-Serie bis hin zum Bereich der Freizeitloipen hat ihre umfassende Wandlung Leistungen aus den Athleten raus-gekitzelt, die bis vor kurzem noch als unmöglich erschienen. Welcher sportliche Gelegenheitsläufer hat sich bis vor zehn Jahren schon vorstellen können, die 90 Kilo-meter beim Vasalauf im Doppelstock zu bewältigen? Inzwischen ist es eher umgekehrt – würden Eliteläufer die Strecke bei dem schwedischen Klassiker mit einem herkömmlichen Wachsski angehen, würde das Kopfschütteln auslösen.

Bild zum Abgewöhnen?

Der Autor zählt in seiner klassischen Skilanglaufwelt zu jenen, für die es fast nicht nachvollziehbar ist, wie man etwa beim traditionellen Birkebeiner-Lauf in Norwegen die 54 Kilometer mit sehr sportlichen circa 1.000 Höhenmetern „durchschieben“ kann. Insbesondere an steilen, langen Anstiegen ist dies ein verblüffender Anblick. Der erfahrene Skilangläufer mit Herzblut und Leidenschaft steht angesichts dessen ein wenig zwischen den „Spuren“: staunend den Hut ziehen vor solch extremen, sportlichen Hochleistungen und -Entwicklungen oder die Nase rümpfen ob dieser nicht gerade vor Harmonie und Glanz strahlenden Doppelstock-Bewegung?

Manche Vertreter der klassischen Skilangläufergilde wenden sich spontan mit Grausen ab und sprechen von einem „Bild zum Abgewöhnen“. Ja, man kann natürlich diskutieren angesichts der mangelnden Ästhetik der im Vergleich zum -eleganten, rhythmischen und zugleich einfachen Diagonalschritt zuweilen brachial anmutenden -Doppelstock-Technik. Aber auch das Skilanglauf-Leben ist im Fluss und – um im Technik-Bild zu bleiben – „schiebt“ weiter. Und das Reizvolle an unserem Sport ist ja auch seine Vielfältigkeit. Genuss, Schönheit oder Grazie sind wichtige Aspekte dabei, aber es geht auch um Athletik und Wettkampf. Und dort zählen Effektivität und Zeit. Es gewinnt nun mal der Schnellste, nicht der mit dem ästhetischsten Stil – auch wenn natürlich manchmal beides zusammenfallen kann.

Vortrieb über alles

Der Doppelstockschub hat Veränderungen im Spitzenbereich des Skilanglaufs hervorgebracht, wie es sie seit Einführung der Skatingtechniken nicht mehr gegeben hat. So stellt das Training neue Herausforderungen, setzt intensive Reizpunkte, ist flexibler und funktioneller angelegt. Krafttraining – ob allgemein oder speziell – dominiert die Trainingsplanung. Vortrieb durch Arme und Oberkörper sowie dessen Stabilisation haben einen hohen Stellenwert bekommen. Ein Massenstart im Weltcup mutet aktuell wie eine Ansammlung von Muskel-bepackten Modellathleten an. Ernährung und viele Maßnahmen, die den Trainingsalltag begleiten, sind zielgerichtet und individuell auf sich wandelnde Trainingsparameter abgestimmt. Mehr Krafttraining verlangt auch angepasste Nahrung, Erholungsphasen und aktive Physiotherapie. Ausrüstung und Material sowie Skipräparation passen sich den Entwicklungen ebenso an. Der Ski muss maximal gleiten und nach Möglichkeit auch die Energie von Schwungbewegungen in Vortrieb umwandeln können.

Die Idee, die hinter dieser Entwicklung der Lauftechnik steht, ist banal und absolut nachvollziehbar. Bewegen mit dem Langlaufski ohne Beinabstoß erfordert keine Abstoßzone unter dem Ski. Steigwachs und mechanische Aufstiegshilfen wie Felle, Crown-Schliffe, Schuppen oder aufgeraute Skibeläge werden nicht benötigt. Der Ski ist dadurch sehr schnell und der Läufer – in Kombination mit einer bärenstarken Kondition, vor allem in der Rumpf- und Armmuskulatur, sowie einer optimalen Technik – um Längen im Vorteil. Diese Anpassungen pushen alle Bereiche der nordischen Läuferszene, Leistungs- und ambitionierte Freizeitsportler genauso wie den fitness- oder gesundheitsbewussten Skilangläufer. Und das ist ein echter -Gewinn für unseren Sport – ästhetische Bedenken hin oder her.

So einfach die Doppelstock-Technik in ihrer Struktur auch sein mag, die beschriebenen Entwicklungen haben zu sehr vielen unterschiedlichen Varianten und Ausprägungen geführt. Der Doppelstockschub am steilen Anstieg in den Rennen der Worldloppet-Serie ist für Freizeitläufer eine koordinative Herausforderung. Im Weltcup sind die Anforderungen an Athleten und Material- wieder anders. Nach einer neuen FIS-Regel darf die Stocklänge – von der Stockspitze bis zum Schlaufenausgang am Griff – maximal 83 Prozent der Körpergröße betragen, gemessen mit Langlaufschuhen, sodass es der grundlegenden Faustregel „85 Prozent der Körpergröße“ entspricht. Auf bestimmten Strecken-abschnitten muss diagonal gelaufen werden, die Loipen sind häufig mit Kunstschnee belegt, das Tempo ist aggressiver, andere Ski sind im Einsatz. An all diese Bedingungen und -Situationen muss die Lauftechnik angepasst werden. So unterstützen im modernen Skilanglauf zum Beispiel die Beine den Doppelstockschub viel intensiver als in vergangenen Tagen – bisher eigentlich ein Widerspruch in sich.

Zweiter Frühling

Vor allem sehr sportliche Freizeitläufer nehmen diese lauftechnische Entwicklung dankend an und erleben ihren zweiten Frühling in der Loipe. Ihnen wollen wir hier Hinweise und Tipps zur Lauftechnik geben sowie die große Bandbreite der Doppelstockschub-Welt und deren Varianten aufzeigen. Und wir wollen auch zeigen: Der Doppelstockschub ist keine reine Kraftmeierei, sondern – perfekt ausgeführt – ebenfalls eine ästhetische Bewegungsform auf dem Ski.

Die Kernaktionen stehen für Effizienz, Geschwindigkeit und Leichtigkeit und sind für Skilangläufer gedacht, die als „Könner oder Experten“ eingestuft werden und somit die notwendigen konditionellen und koordinativen Voraussetzungen mitbringen.

DOPPELSTOCKSCHUB: DIE BASIS

1. Gleitposition

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Doppelstockschub: Die Basis – Gleitposition.
© Michael Mayer

Gleiten auf beiden Beinen gleichzeitig. Der gesamte Körper ist genau über den beiden Gleitski ausgerichtet, der Körperschwerpunkt liegt zentral über beiden Beinen und Füßen. Knie- und Hüftgelenke sind gestreckt, die Hüfte in einer hohen Position und die Fußsohlen sind komplett belastet. Der aufrechte und gut stabilisierte Oberkörper entlastet die Rückenmuskulatur. Beide Arme sind parallel zu Körper, Ski und Loipe in einer Vorhalte, im Ellenbogen leicht -gebeugt. Die Stöcke zeigen leicht schräg nach hinten. Die gesamte Position ist die Ruhe vor einem Schub mit maximaler Kraftüber-tragung, der Läufer ist bereit.

2. Stockeinsatz

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Doppelstockschub: Die Basis – Stockeinsatz
© Michael Mayer

Der Oberkörper wird nun nach vorne gebeugt und leitet dadurch den Stockeinsatz ein. Die Stöcke setzen auf Höhe der Bindung oder Fußspitze im Schnee ein. Dabei sind die Arme in der Ellenbeuge circa 90 Grad gebeugt. Der Oberkörper bleibt weiterhin stabil, bringt durch seine pure Größe sehr viel Masse mit auf die Stöcke und unterstützt nun die Schubbewegung nach hinten sehr effektiv. Dabei ist der Kraftimpuls vom Aufsetzen der Stöcke bis zum Schub etwa auf Höhe des Hüftgelenks deutlich größer, im Vergleich zum Schub Hüftgelenk bis hinter den Körper.

3. Armschub

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Doppelstockschub: Die Basis – Armschub.
© Michael Mayer

Die Stöcke werden mit vollem Krafteinsatz nach hinten durchgeschoben. Dabei ist der Oberkörper stark nach vorne gebeugt, als Ausgleich dazu wird der Körperschwerpunkt nach hinten verlagert. Die Hände passieren die Beine etwa in Höhe der Knie. Wichtig: Die Beine werden beim Doppelstockschub nur leicht gebeugt, um ein Absitzen des Körperschwerpunkts zu vermeiden. Das ist sehr kraftraubend und bremst Bewegungsharmonie und Vortrieb.

4. Vorschwingen der Arme

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Doppelstockschub: Die Basis – Vorschwingen der Arme.
© Michael Mayer

Nach dem Schub erfolgt das Vorschwingen der Arme und das -Aufrichten des Oberkörpers. Der Oberkörper ist den Armen deutlich ein Stück voraus. Erst ganz am Ende des Schwungs holen die Arme den Oberkörper ein. Die Bedeutung dieser Phase des Doppelstocks ist enorm gestiegen. Die Arme müssen schnell nach vorne, um auch schnell und gut stabilisiert wieder in der Ausgangsposition für den nächsten Schub zu sein.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe 04/2021.

Unser Experte zeigt und erklärt darin weiterhin den …

Doppelstockschub mit Zwischenschritt: Gleitposition Einbeingleiten – Stockeinsatz und Schwungbein – Vorbereitung Beinabstoß – Gleitposition Einbeingleiten (von der Seite) – Gleitposition Einbeingleiten (von vorne)

Doppelstockschub mit Beinunterstützung: 1. Variante Jetbewegung; 2. Variante fersen anheben)

Doppelstockschub: Power-Varianten: 1. Doppelstock angesprungen; 2. Doppelstock Volkslauf-Variante

nordic sports-Experte

Uwe Spörl (54) war viele Jahre Mitglied im ­Ausbilderteam des Deutschen Skilehrerverbandes (DSLV) und ehemals auch der deutschen Skilanglauf-Nationalmannschaft. Seit vielen Jahren ­steuert er seine Expertise in Skilanglauf-Technik in nordic sports bei. Spörl betreibt seit 20 Jahren die Langlauf- und Schneesportschule ­Nordic Power in Oberjoch im ­Allgäu. Er hat schon an zahlreichen Volksläufen wie dem Vasaloppet, dem Ski-Trail Tannheimer Tal oder dem Arctic Circle Race ­teilgenommen.

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