Problemzone Schienbein

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Ein gesunder Laufstil und passendes Schuhwerk 
sind wichtig, um keine Schmerzen am Schienbein 
aufkommen zu lassen.
© getty images

Wenn Skilangläufer und Trailrunner über Schmerzen am Schienbein klagen, handelt es sich oft um das Schienbeinkanten­syndrom. Oft zwingt es die Athleten zur ungewollten Trainingspause. Wie man das verhindern und die Schmerzen im Ernstfall behandeln kann, erklärt nordic sports.

Von Oliver Stopperich

Egal ob Skilangläufer oder Trailrunner, jeder kennt das Problem: Ein Wettbewerb steht an, doch das Training stagniert. Die Sportschuhe stehen zwar schon an der Türschwelle bereit, die fehlende Motivation oder der Terminkalender machen einem jedoch immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Um dem ambitionierten Trainingsplan noch gerecht zu werden, wird die Intensität gesteigert, der eigene Körper unmittelbar bei der ersten Trainings­einheit von null auf hundert gepusht – ein ­Fehler, der umgehend bestraft wird.

Schon beim ersten Lauf, bereits nach einigen Metern, schmerzt der Unterschenkel entlang der Schienbeinkante. Diese Schmerzen bleiben während des Laufs ­bestehen, verschwinden zumeist aber nach der Einheit wieder. Getreu dem Motto „Aus dem Auge, aus dem Sinn“ verzichten Läufer auf den Besuch beim Arzt, stattdessen wird derselbe Fehler beim nächsten Training wieder begangen. Spätestens dann kommt der Schmerz zurück, auch im Ruhezustand wird er bei gezieltem Druck zunehmend spürbar. Die Rede ist vom Schienbeinkantensyndrom, auch unter dem Begriff „Shin Splints“ bekannt, welches durch eine Überbeanspruchung der Schienbeinmuskulatur verursacht wird. nordic sports-Experte Tom Kastner erklärt: „Es kommt zu einem mehr oder weniger dauerhaften lokalen Schmerz im Bereich der Schienbeinmuskulatur durch eine belastungsbedingte Muskelvolumenzunahme in der den Muskel umgebenden, nicht sonderlich flexiblen Muskelloge, also einer Gruppe von Muskeln, die durch eine Faszie begrenzt ist. Der steigende Druck im Kompartiment behindert wiederum eine ausreichende Blutversorgung und damit die Sauerstoffversorgung.“ Eine Verletzung, mit der nicht zu spaßen ist, denn der Heilungsprozess kann mitunter eine wochenlange Trainingspause erzwingen. In gravierenden Fällen, so Kastner, kann es auch zu Missempfindungen der Füße oder sogar einer Muskelnekrose, das heißt ein Absterben von Muskelzellen, kommen.

Ursachen und Diagnose

Wie bereits eingangs erwähnt, ist die häufigste Ursache für die bei (Skilang-)Läufern typische Verletzung eine starke Steigerung der Trainingsbelastung. Auch ein harter Laufuntergrund, ein ungeeignetes Schuhwerk oder eine Lauftechnikveränderung können ursächlich sein. Neben Belastungsreaktionen spielen vor allem die ­Biomechanik und die Stoßdämpfung entscheidende Rollen. Vornehmlich ist das Schienbeinkantensyndrom eine Reizung der Knochenhaut aufgrund einer Überlastung des hinteren Schienbeinmuskels, dem Musculus tibialis posterior, der hauptsächlich dem Fuß beim Laufen dabei hilft, eine Überpronation zu vermeiden, also ein übermäßiges Abkippen des Fußes im Zuge der Abrollbewegung.

Doch woher weiß man, dass es sich bei den geschilderten Symptomen auch wirklich um Shin Splints handelt? Der leitende Mannschaftsarzt der DSV-Langläufer gibt Auskunft: „Die Klinik des allmählich einsetzenden Schmerzes im Bereich der Schienbeine unter Belastung ist ein deutlicher Hinweis.“ Wichtig ist, dass diese Hinweise nicht ignoriert oder auf die leichte Schulter genommen werden. Vielmehr ist der Besuch beim Arzt nie die falsche Entscheidung. Um mögliche Muskelverletzungen oder eine Ermüdungsfraktur auszuschließen, sollten weitere diagnostische Maßnahmen ergriffen werden, beispielsweise eine MRT-Untersuchung. Sollte auch das nicht zu einer eindeutigen ­Diagnose führen, ist eine „invasive Messung des intrakompartimentalen Drucks notwendig“, weiß Kastner. Doch ist die Gewissheit erst mal da, beginnt nicht nur die mit einer Trainingspause einhergehende Leidenszeit, sondern auch die Regenerationsphase.

Geduld ist gefragt

Die erste und wichtigste Maßnahme zur schnellen Regeneration ist das Einhalten der Belastungspause. Zudem sollte die auslösende Ursache eruiert und vermieden beziehungsweise abgestellt werden. Nicht nur im Leistungssport stellt die Physiotherapie einen wichtigen Bestandteil der Behandlung dar. Hier wird gerne auf die Schwellentherapie zurückgegriffen. Da die möglichen Ursachen ambivalent sind, gilt dies auch für die Therapieansätze. In seltenen Fällen und nur bei schwerer Symptomatik und ausbleibender Besserung durch Belastungsreduktion ist ein operativer Eingriff im Sinne einer Faszienspaltung der letzte Lösungsweg. Diese Spaltung soll zur Entlastung der Muskel­loge beitragen.

In der Regel ist jedoch Geduld der Schlüssel zur Genesung. Die durch die Behandlung eintreffende Besserung sorgt schnell für Euphorie, welche nach der ersten Trainingseinheit allerdings genauso schnell verfliegt. Der wiederkehrende Schmerz sorgt nicht nur für eine noch größere Enttäuschung. Schlimmer noch, das geplante Comeback rückt nun in weite Ferne. Auch sollte der Wiedereinstieg langsam und kontrolliert erfolgen, denn wie eingangs erwähnt, ist eine zu starke Belastungsintensität und -steigerung der Auslöser für die lange Leidenszeit. Tom Kastner empfiehlt: „Die Dauer der Pause richtet sich nach der Schmerzwahrnehmung, sowohl unter Belastung als auch bei der lokalen Palpation. Erst wenn keine Beschwerden mehr bestehen, sollte das (Lauf-)Training wieder aufgenommen werden.“ Wer sich nicht an diese Regel hält, muss im schlimmsten Fall damit rechnen, dass die Symptomatik dauernd besteht oder weiter zunimmt. Abgesehen von dem bereits erwähnten Absterben von Muskelzellen ist eine Ausbreitung auf andere Körperregionen nicht zu befürchten, da das Schienbeinkantensyndrom primär ein lokales Problem darstellt.

Vorbeugung und Alternativen

Wie bei vielen anderen Verletzungen gibt es auch im Falle des Shin Splints geeignete Alternativen zum Sporttreiben. Dazu zählen allen voran Schwimmen und Radfahren. „Schmerzhafte Bewegungsformen sollten aber unbedingt vermieden werden“, betont Kastner.

Doch damit es gar nicht erst so weit kommt, können schon kleine Tipps und Hinweise helfen. Vor allem Laufanfänger sollten beim Kauf der Schuhe nicht nach eigenem Gusto, sondern nach der Effektivität entscheiden. Besonders eine zu hohe Sprengung kann für den Laufnovizen gefährlich werden. Setzen die Beschwerdesymptome nach dem ersten Einsatz der Schuhe ein, sollte dieser nicht mehr verwendet werden. Ebenso der zu einseitige Einsatz von Trainingsmitteln wie zum Beispiel Crosslauf in der „schneefreien Zeit“ sollte laut Kastner vermieden werden. Auch der Laufuntergrund solle weich ­gewählt und gewechselt werden.

Wer also die nächste sportliche Herausforderung vor Augen hat, egal ob im Skilang- oder im Traillauf, sollte sich den zeitlichen Rahmen für die Vorbereitung so stecken, dass sprunghafte Intensitätssteigerungen vermieden werden.

nordic sports-Experte

Tom Kastner (Foto, 36) ist leitender Mannschaftsarzt der DSV-Lang­läufer. Er ist Experte für alle Fragen rund um das Thema Ernährung und Gesundheit. Der Sportmediziner betreut­ ­zahlreiche Spitzenathleten, ­darunter Florian Notz, Janosch Brugger und Katharina Hennig.

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© imago images/ Sven Simon

Der Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/20 von nordic sports.

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