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Wintersport mit Erkältung?

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Zum Jahresende hatte es Franziska Preuß wieder erwischt: Die DSV-Biathletin hatte sich erkältet und ließ vorsichtshalber einen Start beim Weltcup in Oberhof aus.
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In jeder Wintersaison stellt sich wieder die Frage: Ist Sport trotz Erkältung vertretbar – oder eine Trainings­pause ­unumgänglich? DSV-Teamarzt Dr. Tom ­Kastner erklärt, wann einem ­Ausflug in die Loipe nichts im Wege steht – und wann der Athlet sich besser eine Pause gönnen ­sollte.

Text: Oliver Stopperich

Wenn die Saison für die Wintersportler in vollem Gange ist, geht es für Profi-Athleten im Wesentlichen nur noch darum, fit und gesund zu bleiben. Neben Verletzungen sind es vor allem Infekte, die die Sportler fürchten. Das Problem mag auf den ersten Blick eher harmlos erscheinen, kann aber gravierende Konsequenzen haben. Franziska Preuß, Biathlon-Vizeweltmeisterin im Massenstart von 2015, wurde in ihrer Karriere schon unzählige Male von grippalen Infekten ausgebremst. Zu oft musste sie das Bett hüten, statt in der Loipe Gas zu geben und um Podestplätze zu kämpfen. Allen voran die Saison 2016/17 war ein reines Seuchenjahr, eine hartnäckige Nasennebenhöhlenentzündung zwang sie sogar zu einer Operation. „Ich war ein Wrack“, gestand sie rückblickend und ergänzte, dass sie es aufgrund zu großer Erschöpfung nicht geschafft hatte, den ganzen Tag das Bett zu verlassen. Doch aus diesen Rückschlägen hat sie ihre Lehren gezogen und dank eines „brutal guten“ Körpergefühls das Krankheitsthema in den Griff bekommen. „Ich habe gelernt, nur Sport zu machen, wenn ich 100 Prozent gesund bin. Die Erfahrung habe ich, und da lasse ich mich auch nicht mehr beeinflussen.“ Doch abgesehen davon, dass jeder (Winter-)Sportler auf seinen eigenen Körper hören und Warnsignale nicht ignorieren, sondern letztlich die Vernunft siegen lassen sollte, bleibt die Frage aller Fragen: Wann kann ich problemlos die Skier unter die Füße schnallen, und wann wird Sport trotz Erkältung zum Risiko?

Bis zu drei Monate Pause

Wer sich im Krankheitsfall nicht sicher ist, ob ein sportlicher Ausflug an der kalten Winterluft vertretbar oder doch eher kontraproduktiv ist, sollte immer erst auf seinen eigenen Körper hören. Natürlich muss man hierbei zwischen dem inneren Schweinehund und dem wirklichen Kranksein differenzieren. Auch muss man sich immer fragen, was man mit dem Training erreichen will? Die meisten sind keine Leistungssportler, die ihr Geld damit verdienen. Das heißt auch: Es geht vorwiegend um Spaß am Sport und der Fitness. Diese lässt sich aber ohnehin bei einer Erkältung nicht aufbauen oder verbessern, da man seine Leistung nicht wie gewohnt abrufen kann und der gewünschte Trainingseffekt ausbleibt. Dennoch: Nicht jede Erkältung muss mit einer Trainings- oder Wettkampfpause einhergehen, es kommt letztlich auf die Ausprägung der Infektsymptomatik an. Sollten kein Fieber, keine Gliederschmerzen, Schwellungen der Lymphknoten oder ein allgemeines Krankheitsgefühl vorliegen, lässt sich ein „sehr moderates, niedrig intensives Training noch vertreten“, weiß Tom Kastner und ergänzt: „Allerdings ist im Infektfall oft weniger mehr und ein defensives Verhalten zu empfehlen, bis der Infekt auskuriert ist.“

Doch warum ist Sport bei Erkältung so gefährlich? Unser Experte erklärt: „Bei sportlicher Betätigung im Falle einer Erkältung besteht zu allererst die Gefahr, dass der Infekt unnötig hinausgezögert wird oder sogar fortschreitet in seiner Ausprägung. Zur Belastung des Körpers durch die Erkältung kommt dann zusätzlich noch der Trainingsreiz, also eine Summation der Belastung für den Körper. Allerdings muss man hier differenzieren, wie stark der Infekt ausgeprägt ist.“ Hinzu kommt die Tatsache, dass das ohnehin schon geschwächte Immunsystem durch die sportliche Belastung zusätzlich überfordert wird und Krankheitserreger die Möglichkeit haben, sich im Organismus weiter und stärker auszubreiten. Auch wird gelegentlich ein postinfektiöses Müdigkeits- oder Schwächesyndrom beobachtet, der Athlet fühlt sich trotz des Abklingens aller Krankheitssymptome geschwächt und nicht leistungsfähig mit unbestimmter Dauer. Im schlimmsten Fall blüht einem Sportler ein Erregerbefall und eine Entzündung des Herzmuskels – womit nicht zu spaßen ist. Selbst eine banale Grippe kann in Kombination mit sportlicher Aktivität dazu führen, dass der Herzmuskel in Mitleidenschaft gezogen wird. Bei ­einer solchen „Myokarditis“, die oft gar nicht bemerkt wird, ist sogar ein plötzlicher Herztod nicht unwahrscheinlich, aber auch eine massive Herzschwäche kann die Folge sein. „Symptome einer Herzmuskelentzündung“, so heißt es in einer Pressemitteilung der Deutschen Herzstiftung, „können sein: Abgeschlagenheit und allgemeine Schwäche, Herzrhythmusstörungen (z. B. Herzstolpern), Luftnot oder Schmerzen in der Brust, wie sie auch bei einem Herzinfarkt auftreten können.“ Sollte das tatsächlich der Fall sein, blühen einem bis zu drei Monate Pause – statt einer kurzen Trainingspause von im besten Fall zwei bis drei Tagen.

Gut gerüstet in die Kälte

Wer trotz erster Symptome oder bereits fortgeschrittener Erkältung die Füße nicht still halten kann und auf eine Sport-Session an der frischen Luft nicht verzichten will, sollte dennoch Vernunft walten lassen und nicht übertreiben. Tom Kastner rät zu „einer defensiven Trainingsstrategie mit Vermeidung von intensiven und langen sportlichen Belastungen.“ Zur Orientierung: Höhere Herzfrequenzen und ein stärkeres Belastungsempfinden während des Trainings sind Zeichen für eine erhöhte Belastung des Körpers. „Dann sollte weiteres Training vorerst vermieden werden, und ebenso, wenn die Infektsymptomatik sich verschlechtert“, erklärt unser Experte. Zudem empfiehlt er, die auch sonst geltenden infektprophylaktischen Maßnahmen konsequent umzusetzen: insbesondere ausreichend hohe Flüssigkeits- und Kohlenhydratzufuhr sowie angepasste Trainingskleidung, um Frieren zu verhindern. Vor allem bei eisigen Temperaturen sollte man die richtigen Vorkehrungen treffen, denn kalte und oftmals trockene Luftbedingungen können die Schleimhäute der Atemwege austrocknen und reizen. Der verminderte Flüssigkeitsfilm auf den Schleimhäuten ermöglicht Viren und Bakterien ein erleichtertes Eindringen in den Organismus auf diesem Wege. Um dem entgegenzuwirken, sollte man stets genügend Flüssigkeit zu sich nehmen (weitere Tipps siehe Kasten). Zudem kann eine spezielle Atemschutzmaske bei sehr kalten Lufttemperaturen geeignet sein.

Der richtige Zeitpunkt

Sofern die Vernunft gesiegt und man auf unnötige Trainingseinheiten verzichtet hat, stellt sich die Frage, ab wann das Training wieder problemlos aufgenommen werden kann. „Nach Infektüberwindung, das heißt das vollständige Verschwinden der Erkältungssymptomatik, kann bei leichten Infekten nach ein bis zwei Tagen Pause das Training wieder vorsichtig aufgenommen und je nach Befinden gesteigert werden. Intensive Belastungen sollten am Anfang noch vermieden werden“, empfiehlt Kastner und ergänzt: Bei schweren Infekten, insbesondere mit Fieber, sollte man sich jedoch mit dem Trainingseinstieg entsprechend länger Zeit lassen. Es gilt ganz salopp das Motto: Lieber zwei Tage später mit 100-prozentiger Gesundheit beginnen als zwei Tage früher mit 80 Prozent und dann über zwei Wochen bei 80 Prozent bleiben.“ Übrigens: Entgegen mancher Vermutungen und Behauptungen lässt sich eine Erkältung nicht „ausschwitzen“. Jedoch hat regelmäßiges Ausdauertraining „im moderaten Ausmaß“ eindeutig einen präventiven Effekt gegenüber Infekten, da dadurch das Immunsystem gestärkt wird. Allerdings sollte das Verhältnis von Belastung und Erholung stimmig sein. Eine dauerhaft zu hohe Beanspruchung, ob in Trainingsintensität oder -dauer, kann ge­genteilige Effekte mit sich bringen. <

nordic sports-experte

Tom Kastner (35) Als leitender Mannschaftsarzt der deutschen Skilangläufer ist Dr. Tom Kastner auch Experte für alle Fragen rund um das Thema Ernährung und Gesundheit.

Der Artikel stammt aus nordic sports 5/19.

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