« Voriger Artikel   |   Nächster Artikel »

Biathlon-Legende Sven Fischer im Interview: „Ich würde es Soukalova gönnen“

Wer könnte die Lage im Biathlon-Weltcup besser einschätzen als ein früherer zweifacher Gesamtsieger – der zudem immer noch nah dran ist am Geschehen? nordic sports sprach mit Sven Fischer über das Weltcup-Finale, seine Favoriten – und über das deutsche Team.

neuer_name
Sven Fischer: Mit sieben WM-Goldmedaillen und vier ­Olympiasiegen gehört der am 16. April 1971 in Schmalkalden ­(Thüringen) Geborene zu den ­erfolgreichsten deutschen Biathleten überhaupt. Bis zu seinem Karriere-Ende 2007 errang ­Fischer in 15 Jahren 33 Weltcupsiege, holte zwei Mal den Gesamtweltcup. Seit 2007/08 ist er als Biathlon-Experte für das ZDF im Einsatz.

Guten Tag, Herr ­Fischer. 2013/14 stand für die Athleten im Zeichen von Oympia. Wie hoch ist da eigentlich der Stellenwert des Weltcups?

Sehr hoch! Auch in ­einer Olympiasaison bleibt der Weltcup die entscheidende Standortbestimmung. Klar, man lässt mal den ein oder anderen ­Wettkampf aus, verzichtet auf Punkte, ­riskiert damit eine schlechtere Platzierung im Weltcup. Aber das nivelliert sich am Ende auch. Und übrigens ist gerade der letzte Wettkampf in Oslo für die meisten Sportler etwas ganz Besonderes. Da bekommen viele zum Abschluss auch Besuch von ­ihren Familien.

Glauben Sie auch nicht, dass man mit ­einer Goldmedaille in der Tasche ein ­bisschen nachlässt im Weltcup-Finish?

Normalerweise nicht. In der Regel will ein Sportler so einen Olympiasieg bestätigen. Es kann allerdings passieren, dass die Konzentration beeinträchtigt ist, wenn für einen Athleten Pressekonferenzen, ­Empfänge und Ähnliches anstehen.

Was halten Sie eigentlich davon, dass es bei Olympia keine Punkte für den ­Weltcup mehr gibt?

Das ist eine Neuerung, die ich nicht gut ­finde. Wenn man mal für frühere Jahre Punkte für Olympia aus dem Weltcup ­herausrechnet, ergibt sich auf den ­vorderen Plätzen oft ein anderes Bild.

Das Argument für die Änderung war, dass bei Olympia nur eine begrenzte Zahl an Läufern pro Nation starten dürfen – je nach Quote mehr oder weniger.

Aber die Topathleten sind doch eigentlich immer dabei gewesen. Übrigens beim letzten Mal, als wie jetzt die Olympia-Ergebnisse im Weltcup nicht gewertet wurden – 1994 in Lillehammer –, hätte Mark Kirchner den Weltcup gewonnen, wenn seine Ergebnisse bei den Spielen gezählt hätten.

Kommen wir konkret zu der ­Entscheidung im Weltcup. Liegen die Wettkampforte und die Strecken, die noch auf dem Programm stehen, ­manchen Athleten mehr als anderen?

Das ist schwer zu sagen. Jede Strecke hat ihre Eigenheiten. Andererseits haben auch die Sportler ihre Auf und Abs im Laufe ­einer Saison, manche sind mehr die ­Frühstarter, andere mehr Spätstarter. Dass einer über eine Saison hinweg ­konstant Spitzenergebnisse abliefert, habe ich kaum mal erlebt. Aber ich glaube zum Beispiel, dass aus unserem Team Arnd Peiffer bei den letzten Rennen in Oslo sehr zu beachten sein wird.

Hoffen wir, dass Sie recht behalten. Wie sieht’s im Gesamtweltcup aus. Läuft es auf einen Zweikampf Fourcade gegen Svendsen hinaus?

Davon gehe ich aus. Fourcade hat ja schon einen komfortablen Vorsprung, aber bei neun Wettkämpfen ist noch viel drin. Svendsen hat bisher noch Kräfte gespart. Ich glaube, dass er sich immer weiter ­steigern wird bis zu seinem Heim-­Weltcup in Oslo.

Für Simon Schempp wäre es sicher ein gutes Ergebnis, wenn er seinen dritten Platz behaupten könnte, oder?

Das wäre ein Riesen-Ergebnis. Top acht wäre schon toll für ihn. Bisher hatte man immer das Gefühl, dass er aus der Ruhe heraus seine besten Rennen abgeliefert hat, dass aber dann nach ein, zwei vorderen Platzierungen wieder irgendwas kam, gesundheitliche Probleme zum Beispiel. Ein Top-acht-Platz würde mal zeigen, dass er ­konstant über eine Saison ein hohes ­Niveau halten kann.

Ein alter Weggefährte von Ihnen sorgt im Weltcup noch mal richtig für Furore: Ole Einar Bjoerndalen.

Ja, das freut mich natürlich, dass einer, mit dem ich noch zusammen gelaufen bin, noch mal vorne dabei ist wie ­zuletzt. Der ist ja schon 40 geworden kürzlich. Bjoerndalen weiß einfach, dass seine Akkus in dem Alter schneller leer werden und dass es länger braucht, sie wieder aufzuladen. Aber er hat es sehr gut hinbekommen, zwischen dem Ende der letzten Saison und Olympia seine Form aufzubauen.

Bei den Damen zeichnet sich ein ­Vierkampf ab. Gibt es überhaupt eine Top-Favoritin?

Mich beeindruckt Gabriela Soukalova sehr. Sie hat starke Nerven und ist sehr stabil. Und sie hat ein tolles Team hinter sich, das alles für sie tut und in dem eine gute Stimmung herrscht. Die Tschechen hätten es mal verdient, den Weltcup-Titel zu holen, sie haben letztes Jahr eine tolle WM ausgerichtet. Bei Soukalova ist noch die Frage, ob sie auch läuferisch-­konditionell ihr Niveau halten kann. Am Ende sind viele Athleten auch etwas müde, da kommt es vor allem auf die Laufform an. Und mit einer guten Laufform geht dann auch eine mentale Stärke einher. Aber ich würde es der Gabriela gönnen, dass sie den Titel holt.

Und die anderen Kandidatinnen?

Also, bei Domracheva ist es immer so ein Auf und Ab. Ich habe das Gefühl, dass sie nicht stabil ist. Bei ihr könnte ich mir zum Beispiel wirklich vorstellen, dass, wenn sie Olympiagold holt, dann bei dem ein oder anderen Rennen die Luft raus ist. Tora Berger hat meinem Eindruck nach noch nicht die Balance zwischen Anspannung und Lockerheit gefunden, es fehlt an Ruhe und Sicherheit. Mäkäiräinen scheint mir ebenfalls nicht hundertprozentig stabil

Wie beurteilen Sie die deutschen ­Athletinnen diese Saison?

Zu den Jungen wie Laura Dahlmeier und Franziska Preuß ist mir eines wichtig: Dass sie noch nicht ständig in der Welt­spitze mitlaufen können, ist normal. Sie können altersbedingt noch nicht die nötige Grundausdauer haben, das ist ganz natürlich. Deswegen darf man nicht zu viel Druck aufbauen. Erfreulich finde ich die Entwicklung von Franziska Hildebrand, die sich läuferisch durch harte Arbeit mit einem eigenen Trainerteam verbessert hat – auch auf Druck der DSV-Trainer hin. Vielleicht gelingen ihr diese Saison noch einige gute ­Ergebnisse.

Beim Blick auf die verschiedenen ­Klassements fällt auf: Deutschland führt die ­Nationenwertung an – bei Damen und Herren. Wie bewerten Sie das?

Es gibt halt drei, vier Athleten aus anderen Nationen, die das Geschehen bestimmen. Aber dahinter, und das zeigt die Nationenwertung, stehen wir im Vergleich zu den anderen sehr gut da, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so auffällt.

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fischer!

neuer_name
Neuer Champion? Sven Fischer traut Gabriela Soukalova, die ­diese Saison schon mehrfach das ­Gelbe Trikot der Weltcup-Führenden trug, den Gesamtsieg zu.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: nordic sports Nr. 02 / 2014

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat

Events

15.12 – 17.12.2017
Ramsau am Dachstein - Nordische Kombination Weltcup
03.01 – 04.01.2018
Innsbruck - 66. Vierschanzentournee
05.01 – 06.01.2018
Bischofshofen - Vierschanzentournee
12.01 – 14.01.2018
Kulm/Bad Mitterndorf - Skiflug Weltcup