Simon Schempp im Abschieds-Interview

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Simon Schempp feiert seinen Sieg im Massenstart bei der WM 2017 in Hochfilzen.
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Nach 13 Jahren als Biathlon-Profi hat Simon Schempp im Januar 2021 seine Karriere beendet. Im Interview mit nordic sports spricht der 32-Jährige nicht nur über seine zahlreichen Erfolge, legendäre Zielsprints und seine berufliche Zukunft, sondern auch über die Probleme in der deutschen Nachwuchsentwicklung.

nordic sports: Herr Schempp, zu Ihrem Abschied sagten Sie: „Ich konnte nicht mehr der Biathlet sein, der ich lange war.“ Wann und wie haben Sie das gemerkt?

Simon Schempp: Das hat man ja schon eine längere Zeit an meinen Ergebnissen gesehen. Ein paar Wochen nach den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang fing es an, wenn man so will. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich kein gutes Körpergefühl mehr. Ich habe es nicht mehr geschafft, die frischen und kraftvollen Arme und Beine, die ich in meinem Sport benötige, zu bekommen. Das hat sich dann bis zum Karriere-Ende so durchgezogen.

Erklären Sie das doch bitte einmal.

Im Endeffekt kann man es so sagen: Ich habe die Hochbelastungen einfach nicht mehr so gut weggesteckt, und dann kam schließlich die ein oder andere Verletzung noch dazu. Zudem war es im Wettkampfrhythmus, wenn viele Wettbewerbe aufeinanderfolgen, so, dass ich die Belastung nicht mehr so gut wie zuvor verarbeiten konnte. Aber auch im Training habe ich das gemerkt, denn ich schaffte es nicht mehr, mein gewohntes Pensum zu absolvieren. Mein Körper hat es nicht mehr verkraftet.

Blicken wir auf Ihre Karriere: Sie haben vier WM-Titel sowie drei Medaillen bei Olympia gewonnen und insgesamt 18 Weltcupsiege errungen. Welche Momente sind am meisten hängengeblieben?

Das sind tatsächlich ein paar Momente. Zuerst fällt mir der WM-Titel im Massenstart in Hochfilzen ein. Aber auch mein erster Weltcupsieg 2014 in Antholz war sicherlich ein Meilenstein, denn ein Sieg im Weltcup ist immer eine große Hürde. Das ist einfach ein Erfolg, den jeder Biathlet einmal schaffen möchte. Das war für mich ein sehr emotionaler Moment. Zudem war ich in der Staffel jahrelang Schlussläufer, weshalb auch der WM-Titel mit meinem Team 2015 zu meinen Highlights zählt. Mit der deutschen Fahne bei einer Weltmeisterschaft über die Ziellinie zu laufen, war einfach nur beeindruckend.

Sie sind in Ihrer Karriere gegen zahlreiche andere große Sportler angetreten. Welcher Konkurrent hat Sie am meisten beeindruckt?

Auf jeden Fall Martin Fourcade. Er hat sieben Gesamtweltcupsiege in Folge 
gefeiert – und der Gesamtweltcupsieg ist, wenn man ausschließlich die Leistung betrachtet, der größte Erfolg, den man als Biathlet erreichen kann. Man muss einfach über die komplette Saison hinweg konstant gute Leistungen abrufen. Für mich hat er unsere Sportart noch einmal auf ein ganz neues Niveau gehoben, weil er beide Disziplinen so unglaublich gut beherrscht hat. Er war immer sehr stark in der Loipe, und auch am Schießstand ist er jedes Jahr besser und konstanter geworden. Er war ein beeindruckender Sportler, der bei mir am meisten Eindruck hinterlassen hat.

Den Gesamtweltcup haben Sie nie gewonnen. 2015 waren Sie allerdings lange Zeit ganz knapp an Martin Fourcade dran und hatten zwischenzeitlich lediglich sechs Punkte Rückstand, am Ende wurden Sie Vierter. Warum haben Sie es nicht geschafft, die Konstanz über eine komplette Saison zu halten?

Das ist definitiv etwas, was mich im Nachhinein sehr ärgert und mir noch immer hinterherläuft. Auch in den darauffolgenden Jahren war ich im Gesamtweltcup mit den Platzierungen vier und fünf sehr gut im Rennen. Ich hatte zu der Zeit auch sehr viel Pech, weil ich zwei Wochen in Folge krankheitsbedingt nicht an den Start gehen konnte und somit einige Punkte verloren habe. Dadurch ist die Chance, im Weltcup eine größere Rolle zu spielen, verflogen. Der Situation trauere ich immer noch ein bisschen hinterher, denn es wäre sicherlich viel mehr möglich gewesen. Die Leistung war eigentlich viel besser, als es dann am Ende der Saison auf dem Papier zu sehen war. Ich hatte zu dieser Zeit leider sehr oft mit Infekten zu kämpfen, weshalb ich bei einigen Rennen fehlte.

Vielen Biathlon-Fans bleiben einige legendäre Schlussrunden mit Hochspannung bis zur Ziellinie in Erinnerung. Sie waren Protagonist vieler Zielsprints. Woran liegt das?

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Als Schlussläufer der deutschen Staffel kam Schempp 2015 mit der deutschen Fahne ins Ziel. WM-Gold!
© getty images

Viel hängt sicherlich mit dem letzten Schießen zusammen. Ich denke, da war ich mental immer sehr stark und habe stehend sicher geschossen – vor allem 
in den zahlreichen Duellen mit Martin Fourcade, Emil Hegle Svendsen oder auch Anton Shipulin. Wir alle haben im letzten Schießen sehr konstant getroffen, dann läuft man nun mal zusammen auf der Schlussrunde. Und dann vorzeitig wegzulaufen, ist meistens nicht möglich, weil man dann schon eine viel bessere Form als die Konkurrenz benötigt. Daher bleibt man meistens zusammen und belauert sich bis zur Ziellinie – bis es dann zum Schlusssprint kommt, von denen ich in meiner Karriere tatsächlich einige hatte.

Kommen wir nun zu Ihrer Zukunft: Wie sieht Ihr neues Leben nach dem Sport aus?

Momentan beschäftige ich mich stark mit meiner Zukunft, und schaue, was ich bald machen werde. Ich stelle da derzeit die Weichen. Ich muss schon sagen, dass ich mich darauf unheimlich freue.

Ein Wirtschaftsingenieur-Studium steht nun bei Ihnen an. Warum haben Sie sich für diesen Studiengang entschieden?

Schon bevor ich mein Karriere-ende bekanntgegeben habe, hatte ich mich damit beschäftigt und mich als -Student eingeschrieben. Ich wusste schließlich nicht, was nach dem Karriereende auf mich zukommen würde, und wollte eine Option haben, die ich relativ zeitnah angehen kann. Wenn ich jetzt gewartet hätte, wäre vermutlich erst der Herbst wieder für eine Tätigkeit infrage gekommen. Das ist dann schon eine lange Zeit, die ich vergeuden würde. Für mich war es daher wichtig, dass ich einen Anhaltspunkt habe. Wirtschaft interessiert mich schon immer sehr, und technisch bin ich auch nicht unbegabt, würde ich jetzt einfach mal so sagen. Zwei meiner besten Freunde und auch meine Schwester haben das studiert – das ist einfach ein Studium, das ich mir sehr gut vorstellen kann.

Sie haben nahezu Ihr ganzes Leben mit dem Sport verbracht. Das ändert sich nun. Haben Sie davor Respekt, wenn Sie an die Zukunft denken?

Ja, Respekt habe ich schon, weil ich in den letzten 20 Jahren Biathlet war, 13 Jahre davon als Profi. Ich war somit jahrelang Experte in dem Bereich, in dem ich mich bewegt habe. Ich wusste täglich, wofür ich was mache. Es war alles darauf ausgelegt, körperlich fit zu sein, um meine Leistung zu bringen und zu verbessern. Diesen Ansporn hatte ich in den vergangenen Jahren immer, das wird nun aber nie wieder so sein. Jetzt beginnt für mich ein komplett neuer Lebensabschnitt, bei dem ich erst einmal auch ein bisschen ins kalte Wasser geworfen werde. Davor habe ich schon Respekt, weil ich mich zurechtfinden muss. Auf der anderen Seite ist das aber auch ein Abschnitt, den ich sehr spannend und interessant finde. Mir gefällt meine Situation momentan.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dies war ein Ausschnitt aus dem Interview mit Simon Schempp, das sie komplett in der Ausgabe 2/2021 lesen können.

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