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Im Interview: Victoria Carl

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Schafft Victoria Car rechtzeitig zur WM in Oberstdorf ihr Comeback nach ihrer Verletzungspause?
© imago images/Beautiful Sports

Victoria Carl gehört zu den Hoffnungsträgern im deutschen Langlauf-Team. Wenige Tage, bevor sie sich beim Weltucp-Auftakt in Ruka so schwer verletzte, dass sie eine mehrwöchige Wetkampfpause einlegen muss, sprach nordic sports für die Ausgabe 5/2020 mit der 25-Jährigen unter anderem über ihre Ziele für die Heim-WM in Oberstdorf.

nordic sports: Frau Carl, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen aktuell und wie erleben Sie persönlich die Corona-Zeit?

Victoria Carl: Es gibt natürlich einige Einschränkungen, die auch mich betreffen. Aber es ist so, dass Langlauf eine Outdoor-Sportart ist und wir weiterhin gut trainieren können. Wir lassen uns davon nicht unterkriegen und bereiten uns auf die neue Saison vor. Mir persönlich fällt es, fernab des Sports, derzeit allerdings schwer, dass ich meine Großeltern nicht besuchen darf.

Wurde Ihre Vorbereitung auf die kommende Saison durch die Einschränkungen erschwert?

Ja, das schon. Es sind einige Lehrgänge weggefallen, die wir natürlich gerne -absolviert hätten. Jedoch muss ich dazu sagen, dass wir diese ziemlich gut ersetzen konnten – daher gehe ich auch sehr zuversichtlich in die neue Saison.

Nehmen Sie uns doch einmal mit in die vergangenen Monate. Wie ist Ihre Vorbereitung abgelaufen?

Bis August waren wir komplett in Oberhof, um uns auf die anstehende Saison vorzubereiten. Das hat mir natürlich sehr gut gepasst, da ich an meinem Heimatstandort trainieren durfte. Ich habe dadurch viel Zeit zu Hause verbracht und reichlich Kraft für die kommenden Aufgaben gesammelt. Unser Lehrgang im August in Goms war ebenfalls sehr hilfreich, weil ich einfach mal aus der gewohnten Umgebung herausgekommen bin.

Und wie ging es dann weiter?

Im September stand in Oberhof die Zentrale Leistungskontrolle an, worauf wir uns aber nicht noch einmal speziell vorbereitet hatten, denn alle Teilnehmer waren zuvor auch bei den einzelnen Lehrgängen anwesend. Wir haben uns als Team super verstanden, deshalb hatten wir auch viel Spaß.

Letzte Saison haben Sie im Gesamtweltcup den 33. Platz belegt. Was ist in der kommenden Saison möglich?

Der Weltcup steht bei mir überhaupt nicht im Fokus, das muss ich ehrlicherweise sagen. Mein Ziel ist es ganz klar, zur Heim-WM in Oberstdorf Ende Februar fit zu sein. Dann möchte ich natürlich auch meinen Leistungshöhepunkt haben, da eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ganz besonders ist.

Natürlich ist die Heim-WM der Saisonhöhepunkt. Dennoch werden es aufgrund der Corona-Krise Titelkämpfe unter ganz speziellen Voraussetzungen sein, oder?

Wir hoffen erst einmal, dass die WM stattfinden kann. Es wäre sicherlich auch schön, wenn die Wettkämpfe mit Zuschauern ausgetragen werden können – aber das ist ja noch unklar. Selbst wenn die Zuschauerzahl nur begrenzt ist, wäre das schon positiv. Ich wünsche mir, dass wir vor unseren Fans laufen können. Eine Weltmeisterschaft vor dem eigenen Publikum ist doch einfach etwas ganz Besonderes. Das wäre für uns alle super.

Dennoch müssen wir auch vom Worst Case ausgehen. Was würde sich verändern, wenn bei der WM keine Zuschauer zugelassen werden?

Ich denke, dass das für uns deutsche Athleten auf jeden Fall kein wirklicher Nachteil wäre. Sicherlich würden uns unsere Fans fehlen! Aber rein sportlich gesehen würde es die Leistung an sich nicht sehr beeinflussen. Wir kennen die Strecken durch etliche Trainingsrunden. Wir trainieren regelmäßig in Oberstdorf, was uns dann hoffentlich genügend Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft. Ich persönlich würde es aber schade finden, wenn meine Familie bei den Wettkämpfen nicht dabei sein kann. Auch für sie wäre es unglaublich, dieses Event mitzuerleben.

Wie würde es sich generell auf die Qualität der Wettkämpfe auswirken, wenn keine Zuschauer zugelassen werden?

Die Qualität würde mit Sicherheit abnehmen. Man kennt es beispielsweise von den Norwegern, deren Fans überall mitreisen und für Stimmung sorgen. Das würde dann schnell fehlen, wenn gar keine Zuschauer zugelassen werden sollten. Das wäre generell sehr schade für uns alle.

Wie wird Ihre Vorbereitung speziell für die WM aussehen?

Ich denke, dass wir den größten Teil der Vorbereitung auch in Oberstdorf absolvieren werden. Dazu werde ich die Läufe im Weltcup dazu nutzen, um mich für die WM in Form zu bringen. Bei der „Tour de Ski“ werde ich vermutlich auch nicht an den Start gehen, um diese Zeit bestmöglich für die WM-Vorbereitung zu nutzen – ich möchte währenddessen dann lieber ein Training einbauen, um in Oberstdorf fit zu sein (inzwischen ist Carls aufgrund Verletzung ohnehin nicht in der Lage, die Tour zu laufen, d. Red.).

Was sind Ihre persönlichen Ziele für die WM?

Vor allem möchte ich topfit an den Start gehen. Ich hoffe auch auf ein gutes Einzel-Ergebnis. Aber als deutsche Mannschaft blicken wir mit Vorrang auf die Team- und Staffelwettkämpfe. Da wollen wir unsere beste Saisonleistung abrufen. Es wird für uns sehr schwierig, die Top-Plätze zu erreichen. Trotzdem hat man in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen, dass bei einem Großereignis alles passieren kann. Bei der WM 2019 in Seefeld sind wir in der Staffel schon sehr positiv aufgefallen (4. Platz, Anm. d. Red.). Jetzt wollen wir den nächsten Schritt gehen.

Frau Carl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview stammt aus der nordic sports, Ausgabe 5/20.

Beim Saisonauftakt der Langläufer in Ruka, Finnland, am letzten November-Wochenende, zog sich Victoria Carl bei einem Sturz einen zweifachen Bänderriss im rechten Fuß zu und befand sich zuletzt in der Reha. Ein Start bei der WM bleibt weiterhin ihr großes Ziel.

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